„Die aufschlussreiche Ausstellung in Berlin über Hitler und die Deutschen“ in der NZZ vom 30.10.2010, S. 58
Leserbrief zu Martin Meyers Artikel

Die nach wie vor unbewältigte deutsche Vergangenheit?

„Du siehst, dieser Staat hat sich schon früher mit Zeitkritik schwer getan.“ Dieser Satz steht im kaum beachteten, aber äusserst interessanten Buch von Adolf Preiss „Ein Stück vom Paradies“ (Weimarer Schiller-Presse 2004, S. 281) Der Autor sudetischer Herkunft beschrieb vor einem halben Jahrhundert als Freiwilliger der Bundeswehr die unbewältigte Vergangenheit der Deutschen damals und heute: „Eine Geschichte ist mir geblieben: Die Schilderung über das Leben von Hoffmann von Fallersleben… Der hat den Text für unsere Nationalhymne geschrieben. Aber das ist es nicht, warum ich mich so gut an ihn erinnere, sondern die Art und Weise, wie man diesen guten Lyriker kalt gestellt hat… Dieser Mensch hat so viel getan für das deutsche Volk… und dann geht dieser Mann her und denkt, dass das Leben nicht nur aus schönen und angenehmen Dingen besteht und schreibt ein paar zeitkritische Gedichte. Und plötzlich ist der Teufel los: Zuerst verlor er seine Stelle als Professor für deutsche Literatur und dann wurde er von der Polizei verfolgt und musste fliehen…“
„Seit 1945 kein Zuhause mehr gefunden“

Freilich fehlt es seit dem Untergang des Nazi-Regimes nicht an Zeitkritik über die düstere Epoche des „Tausendjährigen Reiches“ 1933 – 1945. Und Martin Meyers Auseinandersetzung über „die aufschlussreiche Ausstellung in Berlin“ ist interessant, doch stellt sich die Frage: Trifft sie mitsamt der Ausstellung den Kern der düsteren Vergangenheit bereits im 19. Jahrhundert? Haben die Deutschen diese zum Glück nur 13jährige Schreckensherrschaft wirklich bewältigt? Und wie steht es mit uns (Deutsch-)Schweizern in dieser Angelegenheit? Wir haben keinen Krieg verloren, einige meinen sogar nach wie vor, es sei vor allem unsere Armee gewesen die das Vaterland gerettet hatte. Im Gegensatz zu den Deutschen können viele unter uns weiterhin träumen „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“.

Wenn alle Erdenbürger so pünktlich und fleissig und zuverlässig und tapfer und treu sind wie die Deutschen (es mindestens bereits lange vor Hitlers Geburt glaubten), dann verwandelt sich die ganze Menschheit in ein Himmelreich auf Erden. Ohne diese seit Jahrhunderten gezüchtete Weltanschauung hätte der Führer die Deutschsprachigen nicht derart verführen können bis zur Stunde seines Selbstmordes im berühmten Bunker von Berlin. Vor wenigen Jahren bekannte der mehr als 90jährige Drehbuchautor der weltweit erfolgreichsten Krimiserie des letzten Jahrhunderts, Herbert Reinecke, kurz vor seinem Tod: Seit 1945 habe ich kein Zuhause mehr gefunden.“ Bange Fragen: Haben wenigstens wir Deutschschweizer ohne die Korrektur einer vernichtenden Niederlage nicht zuletzt dank den Westschweizern, Tessinern und Rätoromanen in unserer Mitte wirklich etwas Besseres gefunden als die Verherrlichung der angeblich deutschen Tugenden oder haben wir – wie die meisten Zeitgenossen – jene Paradiesvorstellung einfach gegen die neue moderne „zeitgemässe“ der Globalisierung mit der ihr eigenen Paradiesvorstellung „Wenn alle Menschen ihre materiellen und geistigen Bedürfnisse stillen können, dann ist das Himmelreich auf Erden errichtet“, vertauscht?

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Victor J. Willi, Rom Disentis

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