Erinnerungen aus dem 2. Weltkrieg
Mit einem „Fascht“ den General zum Teufel gejagt
HD-Kompagniekommandant Emil Hegetschweiler besiegt den gefürchteten Oberstdivisionär Constam

Emil Hegetschweiler spielte in manchen Schweizer Filmen eine Rolle, die er eigentlich gar nicht hätte spielen müssen, weil er sie selbst in seinem Leben verkörperte. Die folgende Anekdote hätte eine gute Szene in irgendeinem seiner Filme oder einem Gottfried Keller-Roman abgegeben, ist aber der Wirklichkeit des Aktivdienstes 1939 – 45 entnommen.

Im Dreck vor dem Allgewaltigen
In einem Kaderkurs führte Divisionär Constam den subalternen Offizieren ein neues Geschütz – das legendäre LMG – vor. Der von den Offizieren noch mehr als den Soldaten gefürchtete hohe Offizier - General in jeder andern Armee, doch wir Schweizer sind nun mal Tiefstapler - verlangte von den schon betagten Kompagniekommandanten, sich auf dem dreckigen Boden mit den Handgriffen des leichten Maschinengewehrs vertraut zu machen. Die Ungeschickten – sicherlich mein Vater, vielleicht auch Hegi - taten sich schwer daran. Constam zögerte nicht, sie als hoffnungslose Schützen im Ernstfall blosszustellen.

Diese peinliche Geschichte erzählte mein Vater während eines Urlaubs. Gut eidgenössisch nannte er Constam einen Chaib, ja Sauchaib. Der vornehme Victor von Castelberg aus Disentis, bei uns zu Gast – ihm verdanke ich den Vornamen – liess den aufgebrachten Vater vor uns Kindern nicht allein mit diesem Fluch, sekundierte ihn wenigstens zur Hälfte. Ich war schockiert. Erst viel später habe ich die edle Gesinnung hinter dieser zunächst enttäuschenden Fluch-Repetition verspürt.

Mein vornehmer Götti aus Disentis wollte meinen Vater nicht im Regen stehen lassen. Am Ende des Kaderkurses hatte der Divisionär die Teilnehmer in ein Zimmer bestellt und zu guter Letzt gefragt, ob jemand noch etwas zu sagen, sich allenfalls zu beschweren habe. Langes Schweigen. Constam musterte die Untergebenen mit forschem Blick, als Emil Hegetschweiler plötzlich mehr zu sich und seinesgleichen, schmunzelnd doch vernehmlich für den Gewaltigen sagte „…fascht“, mit einem dunklen „a“, das – gut zürcherisch – sich schon fast wie ein „O“ anhörte. Constam nahm es hin. Was konnte er schon gegen die blosse „Fast-Beschwerde“ des berühmten Schallplatten-Kabarettisten Temperli einwenden? Über Hegis „fascht“ schmunzelten die Kameraden mehr als dass sie lachten. Es waren andere Zeiten, Kriegszeiten, umso mehr lachten mein Vater und die Gäste am Familientisch, vornehm schmunzelnd auch mein adliger Götti, der würdige Pate aus dem Bündner Oberland, der Senecas berühmten Satz „Der Adel sitzt im Gemüt, nicht im Gestüt“ gleich in beiden Richtungen verkörperte.

Dass Hegi Offizier gewesen ist, wie mein Vater Kommandant einer HD-Kompagnie, wissen und wussten nur wenige Schweizer. Diese unerwartete militärische Laufbahn verdankt er und verdanken seine Hilfsdienstsoldaten weniger dem Ehrgeiz des Schauspielers als seinem Geburtsjahr, wie mein Vater ausreichend lang vor dem Ersten Weltkrieg, um sich zu sagen: „Wenn ich schon jahrelang Militärdienst leisten muss, dann schlafe ich lieber im Bett als auf dem Stroh und vielleicht ist auch das Essen besser als die Mannschaftskost und sicherlich „schneidiger“ die Uniform als das Wehrmannskleid der „gewöhnlichen“ Soldaten. Damals.

Victor J. Willi, Rom Disentis

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