Meine Schutzengel in der Not
III
Wie Lukrezia den Himmel schon auf Erden verdient
Es geschah vor etwas mehr als neun Jahren: Umringt von Bärtigen aus der 68-er
Bewegung mit leuchtenden Augen trotz aller Widerwärtigkeiten des modernen Lebens
stand sie mit ihrem jungen Sohn vor dem Weltladen in Disentis. Wir kamen ins
Gespräch. Als sie erfuhr, dass ich den Sommer in Italien, mitten in der campagna
romana verbringe, leuchteten ihre schönen dunklen Augen rätoromanischer Herkunft
noch mehr. Dann sagte ich das Verrückteste, was ein einsamer alter Mann der kurz
vorher seine viel jüngere Ehepartnerin verloren hatte, einer jungen Frau –
einfach so – sagen kann: „Warum kommen Sie nicht gleich mit?“
Ich stand vor der Abreise von Disentis nach Riano bei Rom. Da besitze ich ein
Haus in allerdings – jetzt – prekärem Zustand. Mit einem viel zu grossen Garten
– ein Handicap südlich von Bologna. Die Italiener sind ein Volk der Städte, die
Einsamkeit vermag sie zu erschrecken.
Hellwach und intelligent, wie sie ist, hat Lucrezia meine Bemerkung nicht gleich
auf die Waagschale gelegt. Und ich sagte mir im Selbstgespräch: „Wie konntest du
nur so etwas vorschlagen vor allen Männern, die mein Angebot hätten bestätigen
können. Doch intelligent wie sie sind und ausreichend desillusioniert, behielten
sie es für sich, lachten allerdings aus vollem Herzen. Freilich fuhr ich allein
über den Lukmanierpass. Einmal mehr mit etwas Glück, denn dieser tiefst gelegene
Alpenübergang in den westlichen Alpen – er erreicht nicht einmal 2000 Meter über
Meer – kann auch im Frühjahr wegen plötzlich einsetzender heftiger Schneefälle
oder Regengüssen gesperrt sein. Gelegentlich sind schon Steine auf die Strasse
gefallen. Das wollen die Bündner und Tessiner verhüten. Wenn’s ums nackte
Überleben geht, sind beide ein Herz und eine Seele.
Wir verabschiedeten uns mit dem Austausch der Adressen. Sie wohnt in der Nähe
der katholischen Dorfkirche, unweit der ältesten Benediktinerabtei nördlich der
Alpen, wenn man das im Bündner Oberland so sagen kann. Nimmt man aber den
Flussverlauf des Rheins zum Massstab, so gehören die Disentiser all ihrer
bereits schon halbwegs südlichen, jedenfalls lateinischen Mentalität zum Trotz,
zu Nord- nicht Südeuropa. Anders verhält es sich im Engadin und Bergell. Da
tragen die Bäche und Flüsse das Wasser ins Schwarze Meer oder aber in den
adriatischen Teil des Mittelmeers.
Jedes Tal eine Welt für sich
Sind darum die Bündner unter sich recht verschiedenartig – freilich auch wegen
der gespaltenen Konfessionalität: evangelisch das obere Inntal und fast
durchwegs rabenschwarz-katholisch die Surselva, das oberhalb des
protestantischen Ilanz gelegene eigentliche Bündner Oberland? Nach einem halben
Jahr zurück in Disentis, besuchte ich Lukretia und ihren hübschen kleinen
hochbegabten Sebastian. Um zu ihrer kleinen Wohnung zu gelangen, muss jeder froh
sein, oben heil angekommen zu sein; denn die Stiege ist so steil und ohne
Geländer, dass ich mir wie ein Gipfelstürmer vorkam, mit meinen damals 74 Jahren
das Ziel doch noch erreicht zu haben. Heute, mit 83 würde ich es wohl kaum noch
wagen!
Die nicht nur sehr attraktive, sondern auch sprachbegabte und in andern Belangen
begnadete Lukretia hatte Pech in ihrem Leben. Unter all den Prätendenten hat sie
sich ausgerechnet in einen um zehn Jahre jüngeren riesigen Tschechen, einen
Künstler, wenigstens Lebenskünstler möglichst auf Rechnung anderer, verliebt.
Das Ergebnis war Sebastian, bald der Beste seiner Klasse. Vorher spielten wir
das Spiel, das weltweit jedem Kleinkind gefällt: Der so viel Grössere liegt auf
dem Bett. Der kleine David kommt zur Türe rein und besiegt den Goliath. Zu
Recht: denn in dieser Position ist der Zwerg wirklich grösser als der Riese, der
zudem zu schlafen scheint und derart leicht überwunden werden kann.
Skilehrer als wahre pädagogische Künstler
Auf fünf Kontinenten habe ich keinen ragazzo, garçon, muchacho oder boy
gefunden, dem das während Stunden immer wieder gleiche Spiel nicht sehr gefallen
hätte. Den cleveren Sebastian konnte ich – obwohl der immer Unterlegene – nicht
sehr lange für dumm verkaufen. Er erwartete ein höheres Niveau für den Umgang
mit dem fünfzehnmal älteren Spielgefährten. Ich erteilte ihm den ersten
Skiunterricht und bewundere seither die Skilehrer, die den Anfängern ihr Können,
ja ihre Kunst beizubringen vermögen. An der Spitze mehrerer Schüler haben sie es
allerdings leichter als ich mit Sebastian; denn der Sohn eines Künstlers und
einer ehemals pfiffigen Sekretärin voller Initiative neben einem goldigen Herzen
und einer seltenen Hilfsbereitschaft wusste in Sachen Skilaufen, ja sogar
Skifahren wenigstens vom dritten Tag an alles besser als der uralte Hilfslehrer,
der tatsächlich – so gut, d.h. schlecht es eben geht – einen Stil
vorsintflutiger Art zur Darstellung bringt.
Schutzengelin in meiner Computernot
Jetzt schreibt mir Lukretia alle Texte, die ich ihr von Rom nach – mittlerweilen
Haldenstein – schicke, internettauglich in die Welt hinaus, jedem zugänglich,
der über einen Computer verfügt. Gelegentlich verbessert sie mein Geschreibsel,
unterbreitet über eine Entfernung von 800 Kilometer Vorschläge in der richtigen
Richtung.
Mir ist vor dem Weltladen in Disentis ein Engel vom Himmel gefallen, auch wenn
das richtige Kennenlernen unter der Voraussetzung des gegenseitigen Respekts
erst Jahre später zum Tragen kam. Trotz aller Rücken- und andern Schmerzen geht
Lukretia mit ihrem Sebastian tapfer durch das Leben. Bewundernswert. Aber eben:
Wer einige Männer kennengelernt hat, wird wählerisch. Zu meinem Glück bin ich –
mehr als die Hälfte älter – nur ein Bewunderer, einer, den sie für ihr
Seelenheil braucht, um sich von allen, auch den körperlichen Nöten und
Widerwärtigkeiten des modernen Daseins zu befreien und voller Freude den zweiten
Teil ihres Lebens bestreiten – vielleicht in des Wortes wirklicher Bedeutung
munter meistern kann. Ohne Widerstand gibt’s keinen Einklang, kein echtes
allumfassendes Verständnis.
Seelenverwandtschaft bedeutet manchmal mehr als jede andere zwischenmenschliche
Beziehung.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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