Wer sucht, der findet das Gute sogar in einem supermercato
Eine Bettlerin mit einem Kleinkind stand vor dem EMMEPIU-Supermercato von
Castelnuovo di Porto. Ich war sehr verwundert, hatte ich doch seit Jahrzehnten
keine Bettlerin und keinen Bettler vor dem grossen Einkaufszentrum mehr gesehen.
Als ich 1958 die Italienkorrespondenz für Radio Beromünster damals, heute DRS,
Radio der Deutschen und Rätoromanischen Schweiz übernahm, wurde ich im Zentrum
von Rom fast auf Schritt und Tritt um ein Almosen gebeten. Doch jetzt im Jahre
2010, nachdem der Wohlfahrtsstaat auch in Italien längst zur festen Einrichtung
der Behörden gehört?
Ich hatte nur ein paar kleine Münzen bei mir. Das wenige schenkte ich gern. Sie
dankte mit leuchtenden Augen. Ich glaubte, das Kind neben der jungen Frau sei
ihr eigenes, fragte aber nicht danach… dann geschah das Unglaubliche,
Merkwürdige, vielleicht sogar Bemerkenswerte: Bei der Kasse irrte sich die
Verkäuferin. Ich erhielt eine zu grosse Rückerstattung auf die hingelegten
Euronoten. Zehn Euros zu viel. Ich führte einen inneren Kampf mit mir. Vor zwei
Tagen schluckte der Bancomat von Riano 200 Euros. Auf der Suche nach einer
andern Kreditkarte verpasste ich die 30 Sekunden für den Bezug des gewünschten
Betrages. Würde mir die Bank die 200 Euros zurückerstatten? Gibt es überhaupt
einen Beweis für den nicht bezogenen Betrag? Darf ich das wahrscheinlich
Verlorene mit dem jetzt vom Himmel Gefallenen verrechnen? Gleichsam als Trost,
damit sich der wahrscheinliche Verlust besser verkraften lässt?
Ein heilsames Missverständnis
Die Ehrlichkeit siegte. Diesmal. Die Kassiererin war sehr verblüfft. Sie fühlte
sich blossgestellt, meinte wohl, ich hätte mich beschwert. Darauf war sie
gefasst, nicht hingegen, dass ich ihr zehn Euros zurückerstatten wollte – wer
kann im Stiefelland so blöd sein, werden sich einige Leser denken. Sie bestand
jedoch auf der Richtigkeit ihrer Rückerstattung. Meinerseits habe ich nachgerade
ein allzu schlechtes Gedächtnis, um beim Geschäften alles richtig im Griff zu
haben. Nach wie vor war ich jedoch überzeugt, die 10 Euros wie bei einer
Lotterie gewonnen zu haben.
Draussen vor der Tür stand die Bettlerin mit ihrem Kind. Da ich schon etwas,
wenn auch sehr wenig gespendet hatte, wandte sie sich nicht mehr an mich, ich
hingegen an sie, mit der Bemerkung, im Supermarkt zu wenig bezahlt zu haben. Die
Zehnernote wolle ich ihr geben. Sie war überrascht, gerührt, strahlte mit den
Augen weit mehr als zuvor und küsste den alten Mann auf die linke Wange. Ich
erklärte ihr die Hintergründe meiner diesmal grösseren Spende. Eigentlich hätte
ich gar nichts gegeben. Die zehn Euros seien mir - wie jetzt ihr - vom Himmel
gefallen, verloren habe lediglich der Supermarkt, doch der könne den Verlust
eher als ich verkraften…
Eine in zwei andern Hinsichten ebenfalls schöne Geschichte
Seltsam ist das Leben, merkwürdig und dann und wann auch bemerkenswert. Wie
konnte das alles geschehen? Am Tag, da ich nach Jahrzehnten eine Bettlerin vor
dem Einkaufszentrum gesehen hatte? Zufall oder etwas Anderes, Höheres?
Jedenfalls war es ein beglückendes Erlebnis für sie und für mich. Wenn ich daran
denke, spüre ich den Kuss auf der Wange immer noch und denke mir: Wer sucht, der
findet das Gute sogar in einem Einkaufszentrum.
Ob das Kind in der Nähe ihr eigenes sei, interessierte mich nicht mehr. Ich
weiss, wie die Bettler weltweit mit Kindern die Herzen der Mitmenschen erweichen
möchten und häufig auch erfolgreich können. Am Nachmittag des 12. August 2010 in
Castelnuovo ist es jedenfalls nicht so geschehen. Es hat keine Bedeutung im
Blick auf das mir vom Schicksal Beschiedene, das wunderbare Zusammenfallen
zweier Begebenheiten, die das Schöne ermöglichten. So etwas erlebt zu haben,
nicht erfinden zu müssen, es nicht in einem Roman oder Märchen gelesen zu haben,
beglückt mich auch beim Beschreiben dieser Geschichte.
Vier Tage später erkundigte ich mich bei der Raiffeisenbank in Disentis, ob der
Bancomat in Riano 400 oder nur 200 Euros geschluckt hätte. Die Kontrolle ergab,
dass es nur 200 gewesen sind, ich also keinen Verlust erlitten hatte. Im Lauf
der Jahre wird die Bancomat-Einrichtung laufend verbessert. Früher hätte ich 200
Euros ins Kamin schreiben können. Es ist Albino, dem Lebensmittelverkäufer von
Riano tatsächlich passiert. Lachend hat er es mir erzählt. Der Fehler lag ja bei
ihm. Er hat nicht rechtzeitig die Noten dem Automaten entnommen. Die
kostspieligen fortgesetzten Verbesserungen des öffentlichen Geldbezuggeschäftes
gehört also nicht zu den Dingen, die letztlich immer die Geldgeber und
Nutzniesser bezahlen müssen. Dieser Fortschritt sorgt sogar für den gerechten
Ausgleich, so dass selbst der zerstreute Kunde sich schadlos halten kann. Das
ist für sich allein bereits eine weitere schöne Geschichte. Nicht nur gilt: Wer
sucht, der findet das Gute sogar in einem supermercato, sondern auch: Wer es gar
nicht sucht, kann das Gute finden. Gelegentlich..
Victor J. Willi, Rom Disentis
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