Schöne erlebte Geschichten aus fünf Kontinenten (56)

Die schönste Weihnachtsgeschichte im Aargau

Zu einer Zeit, da jeder in der Schweiz wusste, dass der Baregg bei Baden der Inbegriff eines im Abendverkehr verrufenen, ja verfluchten Autobahntunnels war, blieb auch ich ahnungsloser Auslandschweizer einmal im kilometerlangen Stau stecken. Der Lions Club Aarau erwartete mich auf 19 Uhr für die Vorweihnachtsfeier im Schützengarten. Mein Referat war vor dem Galaessen angesagt. Verzweifelt befand ich mich mit tausend andern Unglückseligen vor der noch nicht gebauten zweiten Baregg-Röhre und harrte der Dinge, die da einfach nicht kommen wollten.

Zum Glück hatte ich geraume Zeit für die Fahrt von Zürich nach Aarau berechnet. Wie es sich gehört, wollte ich mich vor dem Auftritt noch etwas ausruhen. Das hätte ich nun im Auto tun können, doch auf einmal bewegte sich die Kolonne ruckweise vorwärts, unregelmässig, nervenaufreibend. Im Schritttempo. Zum Verzweifeln.

Endlich durch das ersehnte Loch floss der Verkehr im 100-Kilometer-Tempo Richtung Bern. Nach Anleitung des Programmchefs verliess ich die Autobahn bei Aarau-Ost, doch dann versagten die mir mitgeteilten Informationen, um den Schützengarten zu erreichen. Einmal mehr in grosser Not stieg ich aus und wollte mich nach dem kürzesten Weg zu diesem Restaurant erkundigen. Einige Wagen fuhren vorbei. Plötzlich hielt einer. Der nicht mehr ganz junge Mann hatte keine Ahnung, wo sich der Schützengarten befindet, erkundigte sich aber nach dem besten Weg dorthin und sagte auf einmal „Mir nach“ und fuhr wieder auf die Autobahn.

Manche Ausländer meinen, Aarau gehöre zu den grössten Städten der Schweiz; denn die Aarau Ost- und Aarau West-Ausfahrt liegen weit auseinander. Viele, viele viele Kilometer weit. Ich meinte schon, der liebenswürdige Herr würde mich am Narrenseil herumführen, doch plötzlich verliessen wir die A1 und waren um ein paar Kurven herum beim ersehnten Schützengarten. Ich war überwältigt von der Freundlichkeit dieses mir vom Himmel gefallenen Engels, überreichte ihm meine Visitenkarte, empfing die seinige und las zu meinem grossen Erstaunen „X.Y., Mitglied des Verwaltungsrates einer grossen Aargauer Firma.“

Seither haben für mich die Retter in der Not weder eine bestimmte Nationalität noch einen bestimmten sozialen Status. Es gibt die Schutzengel überall, sehr selten zwar, doch ist jeder von ihnen ein Lichtblick für eine noch nicht verlorene, der Hoffnungsschimmer für eine bessere Welt.


PS: Seit jenem denkwürdige Abend vor 25 Jahren sind Hans Gemperle und ich im Viereck zwischen Aarau, Disentis, Riano bei Rom und San Pedro del Alcantar in Kontakt, telefonieren uns gelegentlich, besuchen uns hoffentlich, so lange keines der beiden Lämpchen verlöscht.

Victor J. Willi, Rom Disentis

Hier geht es zum:
Inhaltsverzeichnis
aller verfügbaren
Beiträge