Von Tucholsky über Heine zu einem geläuterten Christentum?
Zwei Antworten, viele offene Fragen und eine gemeinsame allseitige Hoffnung


In seiner berühmt geistreichen, witzigen und gelegentlich auch verletzenden Art schrieb Kurt Tucholsky (1890 – 1935):
“Die Katholiken sitzen vor ihrer Hütte. Ein Heide geht vorbei und pfeift sich eins. Die Katholiken tuscheln: „Der wird sich schön wundern, wenn er einmal stirbt.“ Sie klopfen sich auf den Bauch ihrer Frömmigkeit, denn sie haben einen Fahrschein, der Heide hat keinen, und er will es nicht einmal. Wie hochmütig kann Demut sein.“ (vgl. Na und? Eine neue Auswahl aus seinen Schriften und Gedichten, Rowohlt Hamburg 1950, S. 79)

An einer andern Stelle beschreibt der Satiriker seine blinde Bewunderung für einen deutschen Philosophen vor seiner Zeit. „Ich stak damals bis an den Hals in Schopenhauer, las jede Zeile, die ich auftreiben konnte, jeden Brief, jedes aufgezeichnete Gespräch und befand mich in jenem glückseligen Stadium, um das gläubige Katholiken so zu beneiden sind: Es konnte mir nichts geschehen, denn ich war im Besitz des Schlüssels für sämtliche Rätsel des Lebens. Es war alles so schön einfach…“ (ebenda S. 239).

Gegen Ende seines Lebens – von körperlichen Beschwerden gepeinigt – schrieb der für seinen Geist und Witz nicht minder bekannte Heinrich Heine (1797 – 1856) das eindrückliche Gedicht:

“Der Schmerz verdampft den heiteren Sinn
und macht mich melancholisch.
Nimmt nicht der traurige Spass ein Ende,
so werd‘ ich am Ende noch katholisch.“

Heine konvertierte bekanntlich zum Protestantismus, stellte sich dann aber in seiner Not die Frage, ob er als letzten Ausweg sich nicht gleich zum römischen Glauben hätte bekehren sollen. Als ich diese drei Statements dem schottischen Freund berichtete, meinte Ruedi Leufke spontan: “Der Protestantismus ist nur ein stepping stone zum Katholizismus“. Eine genaue Übersetzung des englischen Wortes kam dem fliessend schweizerdeutsch sprechenden Briten nicht gleich in den Sinn. Im Kompakt Wörterbuch PONS Stuttgart 1996 wird der Begriff mit entweder Trittbrett oder aber Sprungbrett übersetzt.


Erforderliche gegenseitige Rückvorwärtsentwicklung?

Eines steht fest: Das Zweite Oekumenische Konzil (1962 – 65) vermochten weder Heine noch Tucholsky zu erleben. Sie hatten einen noch selbstsicheren, nicht geklärten, ungeläuterten, in sich geschlossenen Katholizismus der allein selig machenden Kirche vor Augen. Seither bemühte sich Rom nicht nur um die Einheit der Christen und auch die Einheit aller Religionen und Weltanschauungen und findet vielleicht im Zeichen der allseitigen “Konzentration auf Bescheidenheit und Liebe in gelassener Heiterkeit“ den von Albino Luciani/Johannes Paul I. empfohlenen Weg aus der Sackgasse all der gegenseitigen Missverständnisse und Kritik. Ist besonders zwischen Protestantismus und Katholizismus gleichsam eine gegenseitige Rückvorwärtsentwicklung und –bestimmung im Gange?

Bedurfte der Katholizismus der bis 1517 triumphierenden Kirche der Läuterung durch den Protestantismus, so mag jetzt - im Zeitalter der Globalisierung - die allseitige Selbstbescheidung auch gegenüber den andern verschiedenen und verschiedenartigen Religionen und Weltanschauungen angezeigt sein, nicht zuletzt im Blick auf die ohne sie kaum aussichtsreiche Überwindung der Weltwirtschaftskrise. Die ganze Menschheit braucht den stepping stone sicherlich nicht als Sprungbrett ins Nichts der allseitig um sich greifenden Säkularisierung.

Der indische Denker Shivananda sah im Gespräch “alle Religionen, Weltanschauungen, Gedankengebäude auf dem Weg durch einen dichten Wald zum Gipfel. Erst oben merkten alle Wanderer, dass auch andere Ihresgleichen im Grunde das gleiche suchten, allerdings auf verschiedene Weise.“ Dass die Bescheidenheit das A und O der Weltgeschichte ist und Christus mit dem Kreuz das verbindliche Zeichen dafür gesetzt hatte, ist nach meinem Wissen von keinem andern Erdenbürger ausser Albino Luciani/Johannes Paul I. so eindringlich und überzeugend zur Tugend aller Tugenden erhoben worden. Lassen sich durch diese HUMILITAS die Menschen miteinander verbinden und gegenseitig verbünden und die bisher misslungenen Versuche und Versuchungen zur Wiedererlangung des Paradieses überwinden?
 

Victor J. Willi, Rom Disentis

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