Schöne erlebte Geschichten aus aller Welt (Schweiz Zollikon))
Steuerbeamter als “Steuerfreund“


Wer einen sehr strengen Vater hatte, kann immer hoffen, dass ein überaus freundlicher Nachbar für den Ausgleich sorgt. Dieses Glück war den fünf Kindern des Rechtsanwalts Dr. Peter Willi beschieden. In der Gestalt von Hans Strohschneider, den wir bald einmal nicht mehr Herr Strohschneider, sondern Hans nennen durften und der uns nach gebührendem Abstand das Du antrug. Noch in den Vierzigerjahren eine ziemliche Ungehörigkeit, jedenfalls ungewöhnlich zwischen den Generationen.

(Der Amerikanismus war damals noch nicht so weit fortgeschritten, dass anstelle des “Sie“ für mehr und mehr Leute das vertrauliche, aber auch gleichschaltende, anbiedernde “Du“ trat – kaum verschieden vom “You“ für jedermann, Mann und Frau!).
Hans zeigte uns Kindern in seinem Garten, wie dürres Gras leicht Feuer fängt, aber auch schnell gelöscht werden kann, bevor ein Unglück geschieht. Er dachte wohl an unser Chalet, das leicht lichterloh hätte verbrennen können. Wie recht er hatte, liessen uns die Klassenkameraden wissen. Eher vorwurfsvoll als vorsorglich. Nach dem Mund ihrer Eltern. Da sagte einer und sprach für alle: „So ein Holzhaus, höchstens ein besserer Stall inmitten der Häuser aus Beton“, wie es sich schon damals gehörte. Sie kannten wohl alle nicht das Berner Oberland und das Entlebuch!

Als Unternehmer war Hans Strohschneider Besitzer eines eigenen Wagens, eines schwarzen Citroëns mit Trittbrett. Bereits in den 30er Jahren. Eine ziemliche Seltenheit vor dem Zweiten Weltkrieg und kurz danach. Auf einem Weg nahe des Pfannenstils durften wir, auf seinen Knien sitzend, am Steuerrad den Wagen lenken. Welches Hochgefühl für einen noch kaum geborenen Teenager! Die älteren Geschwister lernten sogar die Pedale benützen – ein guter Grund für mich, dreissig Jahre später alles dazu Gehörige den Neffen und Nichten beizubringen. Im damals noch grossen Garten an der Lerchenbergstrasse 40 in Erlenbach, das heisst „Erlibach“ für damals alle echten Erlibacher. Nicht eben zur Freude meiner Schwester Rosmarie Matthaei-Willi. Denn der etwas zerstreute Sohn Peter – schon damals mehr Künstler als Techniker – fuhr im Rückwärtsgang in ein von Rosmarie sorgsam gepflegtes Blumenbeet.

Hans wird “Stroh“ auch für die Eltern

Schon damals gab es so viele währschafte bescheidene “Hans“ auch in Zollikon, bereits in jenen Jahren die reichste Gemeinde am rechten Seeufer, noch nicht Goldküste genannt, dass wir fanden, unser Nachbar verdiene einen besonderen Namen. So wurde mit zunehmenden Jahren auch für die standesbewussten Eltern der Herr Strohschneider einfach zum “Stroh“ degradiert. Fehlte uns zehn Jahre später für den Schieber ein Jasspartner, so wurde der Jüngste ins Nachbarhaus geschickt, um Stroh zu holen.

Stroh gefiel das Zusammenspiel. So wie uns allen. Vier schlechte oder vier gute Spieler können miteinander herrlich und in Freuden spielen. Ein guter mit drei schlechten vermag hingegen eine ganze wunderbare jahrelange Viersamkeit zu verteufeln. Denn sogar mit schlechten Karten kann er mit einem mittelmässigen Partner gewinnen. Fast immer. Wir merkten das erst in Arosa, wenn der Hausverwalter, früher Abwart genannt, Schreiner von Beruf, dem Herrn Doktor mit seinem ganzen illustren Anhang beim Jassen das grosse Fürchten beizubringen verstand. Da merkten wir Naiven endlich, wie einträchtig, doch miserabel wir alle jahrelang gespielt hatten.

Von der Chefetage ins Zimmer 325

Nach dem Untergang der Firma seines Vaters musste Stroh ohne dessen Auto auskommen. Er wurde Steuerbeamter in der Stadt Zürich und steuerte die Steuern seiner Leidgenossen. Er erklärte mir, wie Unrecht die Leute hätten, ohne weiteres in einem Steuerbeamten einen Steuerkommissär oder gar einen Steuervogt zu sehen, wenigstens einen potentiell misstrauischen Gegner, gar Feind. Stroh war zugleich Steuerbeamter und Steuerberater in Personalunion: Wer ihn im Stadthaus aufsuchte oder unter der Tür um Rat fragte, dem zeige er, wie der ahnungslose Bürger im Rahmen des geltenden Rechts Steuern sparen konnte – für nichts oder höchstens ein anerkennendes Dankeschön.

Eine Sternstunde, um Hans als Stern zu sehen

Als Peter Sloterdjik am 20. März 2011 in der sogenannten Sternstunde dem Schweizer Fernsehpublikum erklärte, dass die Steuern früher in der Schweiz weniger als Schuld der Bürger denn als deren Gabe für den Staat betrachtet wurden und in gewissen Kantonen die Steuerverwaltung für jeden überwiesenen Betrag sich in einem besonderen Brief bedankte, staunten sicherlich die meisten Zuschauer und mochten einige dem deutschen Philosophen holländischer Herkunft nicht einmal Glauben schenken.

Hans Strohschneider – bis zum Tode im noch immer bestehenden Haus an der Höhestrasse 63 in Zollikon wohnhaft – war nicht nur ein besonders vorbildlicher Beamter und Ersatzvater, sondern auch ein Freund und Helfer für alle, die seiner Unterstützung bedurften, vielleicht – vielleicht auch nicht zu Unrecht geschröpfte Personen. Im Volk der Tiefstapler war Hans Strohschneider sicherlich nicht der einzige, aber einer, den ich als solchen bereits in jungen Jahren kennen und schätzen lernen durfte.

Für ihn gilt vielleicht noch mehr als für Antoine de Saint-Exupéry:

„Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es dir sein, als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache.“

P.S. Wie verbreitet der Vorname Hans rund um den Zürichsee war und vielleicht noch ist, konnte ich mit einer Freundin bei einem Spaziergang von Zollikon zur Burgruine Wulp feststellen. Wir trafen einen Knirps. Ich frage ihn: „Hansli, wie gheissisch du?“ Verdutzt antwortete er “Hans“, und wir lachten wenigstens noch hundert Meter weit. Er verstand uns nicht, versteht er unser Gelächter jetzt, nach 60 Jahren?

Victor J. Willi, Rom Disentis

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