So lange ein Mensch auf dieser Erde hungert, hat kein anderer, am wenigsten ein Christ, das Recht auf Luxus
Römische Bischofssynode 1959 zur Vorbereitung des Oekumenischen Konzils 1962 – 1965
(unter Leitung von Johannes XXIII.)

Alles Leben ist ein Gleichnis
Johannes Wolfgang von Goethenttäuschende SF1-Arena-Diskussion vom 8.4.2011?


Sloterdijks “Revolution der gebenden Hand“
Letzter Ausweg aus der Sackgasse der internationalen Krisenherdedie

Zehn Jahre nach dem grauenhaften Auftakt des dritten Jahrtausends nach Christi Geburt – die Zerstörung der Zwillingstürme in New York vom 11. September 2001 – wird es immer augenscheinlicher: Alle Versuche hauptsächlich in der westlichen Welt, die sozialen, wirtschaftlichen und technologischen Errungenschaften im neuen Millennium möglichst weltweit nach neoliberalen Ambitionen global voranzutreiben, wenigstens im eigenen Machtbereich zu erhalten, müssen zehn Jahre nachher als gescheitert betrachtet werden. Hinter dem Anspruch des amerikanischen Präsidenten George W. Bush am Tag nachher mitten im Trümmerhaufen der Twin Towers-Überreste “Ich kann es nicht verstehen, wir sind ja so gut“ – mit grossem Beifall der herumstehenden Verwaisten all der Opfer bedacht – liest sich wie ein schwerwiegender folgenschwerer und unverzeihlicher Beweis des bald vierhundertjährigen amerikanischen Hochmuts des weissen Mannes zunächst angelsächsischer Herkunft: Im Kampf mit der Natur und gegen die indianischen Ureinwohner strebte er die Eroberung des riesigen Kontinentes zwischen dem Rio Grande und den grossen Seen im Norden der werdenden Vereinigten Staaten an. Was ihm dreihundert Jahre nach der Ankunft der Mayflower 1620 dann auch tatsächlich in hohem Mass gelungen ist.

Vom weltanschaulichen Standpunkt aus gesehen besteht kein Unterschied zwischen all den Wildwestfilmen – später kurz und bündig im amerikanischen Stil “Western“ genannt – und dem, was zwei Jahre später, 2003, wohlverstanden auch mit britischer und schliesslich deutscher und italienischer Unterstützung in Afghanistan und Irak geschehen ist: Wie jahrzehntelang John Wayne mit dem weissen Hut der Unschuld die böse Tat des Widersachers der kolonisierenden Völker sich zu rächen berufen fühlte (was regelmässig nach spätestens 120-minütiger Spielzeit zur Selbstzufriedenheit der weissen Zuschauer geschah), das beflügelte den letzten amerikanischen Präsidenten zum Racheakt im Nahen Osten.

“Er“ als Merkmal einer mehrjährigen Grundstimmung…

Die selbstzufriedene Überschrift mancher amerikanischer Zeitungen nach der Liquidierung Usama Bin Ladens lautete bekanntlich “We got him“ (Wir haben ihn). Dies erinnert an die Titel der französischen Zeitungen nach der Rückkehr Napoleons aus der Gefangenschaft auf der Insel Elba vor rund 200 Jahren, “Il est retourné“ (Er ist zurückgekehrt). Wenigstens alle Europäer wussten genau, wer mit dem “Il“ (er) gemeint war. So wie mit dem “Him“ wenigstens in den USA lediglich der Feind Nr. 1, Ubama Bin Laden – kein anderer – gemeint sein konnte.

Den guten Journalisten gelingt es gelegentlich, die Stimmung einer halben oder ganzen Welt auf einen einzigen kurzen Nenner zu bringen. Im Schlechten nicht minder als im Guten kann ein einziges Wort die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich lenken und nach näherer Betrachtung das Wesentliche weltweit verkünden. Dazu gehört die Definition von Johannes Paul I. als “der lächelnde Papst“. Dieses Merkmal charakterisiert aber auch im rhetorischen Sinn das selbst gewählte “Ieri“ (gestern) des vorletzten und vielleicht schon binnen eines Jahres selig gesprochenen Johannes Pauls I. Zu Beginn seines 33-tägigen Pontifikates schlug er mit einem einzigen Wort die 70 000 Menschen auf dem Petersplatz und Milliarden Fernsehzuschauer von 64 angeschlossenen TV-Stationen meisterhaft in seinen Bann; denn mit diesem “Gestern“ zur Eröffnung einer Rede wussten alle auf den fünf Erdteilen, dass das neue Oberhaupt der katholischen Kirche eine – seine Geschichte erzählen wollte, die Geschichte seiner Wahl zum Papst.

Geschichten können Geschichte machen. Nach ungezählten schönen Geschichten mag es vielleicht einmal sogar eine schöne Geschichte für die ganze, nicht nur katholische, nicht nur protestantische, nicht nur christliche, nicht nur religiöse, gar konfessionell gesinnte Menschheit geben.

Bitte an alle statt Rache für die Selbstgerechten

Indem er am Ende seiner ersten Begegnung mit den Menschen urbi et orbi, der Stadt (Rom) und dem Erdkreis alle Erdenbürger gebeten hatte, ihm mit ihrem Gebet bei der ungeheuer schwierigen Aufgabe der Leitung der Kirche zu helfen, ohne deren Beistand er verloren sei, erklärte der Papst der 33 Tage das genaue Gegenteil dessen, was der W-Bush-Präsident 22 Jahre, 5 Monate und 17 Tage später von sich und seinesgleichen behauptete: so gut zu sein, weshalb er sich nach der hergebrachten amerikanischen Mentalität berechtigt und verpflichtet fühlte, im Sinn der unschuldigen Opfer die Widersacher zur Verantwortung zu ziehen.

Die Rechnung und Abrechnung der Zukunft bleiben offen

Solange sich die meisten von uns ob all der Verstösse gegen das eigenmächtige Regelwerk unserer persönlichen und einzelstaatlichen Interessen berechtigt fühlen, sich für das undisziplinierte Verhalten unserer Widersacher zu rächen und sie möglichst auszurotten, wird es immer weiter – wie bisher und immer weiter Kriege und bestenfalls Waffenstillstände auf Zeit und Abruf zwischen den Nationen, Staaten, Kulturen und Volksschichten geben. Unter diesem Schutzschild der Selbstzufriedenheit und Uneinsichtigkeit können die Religionen, Konfessionen und Weltanschauungen kaum etwas Besseres als Blitzableiter, bestenfalls sonntägliche Haltestellen und Alibiübungen zur Besänftigung des eigenen schlechten Gewissens abgeben. Da muss der grosse Satz des Vorkonzils 1959 “So lange ein Mensch auf dieser Erde hungert, hat kein anderer, am wenigstens ein Christ das Recht auf Luxus“ wie ein erratischer Block inmitten der geistigen Wüste der modernen, auf Gewinn erpichten globalisierten Menschheit stehen.

Der vielleicht wichtigste Ausweg aus der Sackgasse der verwirrten Menschheit

Mit dem Aufruf zur gebenden Hand, die von Peter Sloterdijk in “DIE ZEIT“ vom 2. Dezember 2010 propagierten Revolution der gebenden Hand und freiwilligen Spende besteht wenigstens die Hoffnung, dass all jene, die ohnehin zu viel haben, all das verdiente und unverdient viele Geld gar nicht ausgeben können, aus freiem Willen so viel spenden, dass beispielsweise die Bewohner in der Schweiz nicht mehr länger um den Fortbestand der AHV (Alters- und Hinterbliebenenversicherung), der gerechten sozialen Fürsorge für die wirklich Bedürftigen und nicht zuletzt des noch nie sichergestellten Weltfriedens bangen müssten. Hunderttausende reiche Alte in der Schweiz und Millionen in der ganzen Welt können mit ihrer freiwilligen anerkannten oder am besten im christlichen Sinn insgeheimen Hilfsbereitschaft mehr für das Überleben der Menschheit tun, als sie es zwar seit Jahrzehnten wünschten, aber viel zu wenig für dessen Verwirklichung getan haben. Tagores schrecklicher Satz:

In death we are all one Im Tod sind wir alle gleich.
In live we are many Im Leben sind wir viele,
when there is only one religion Wenn es nur noch eine Religion gibt,
God will be dead. dann wird Gott tot sein.

. . . . . braucht sich nicht zu verwirklichen, noch nicht!

Victor J. Willi, Rom Disentis

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