Rettet Bruder Klaus einmal
mehr die Schweiz?
Walter Niggs wegweisende Auseinandersetzung mit dem Waldbruder in seinem 1971 im
Walter Verlag Olten herausgegebenen Buch „Der verlorene Glanz“ - Hochaktuelle
Aussagen des Landesvaters 1481 und seines evangelischen Interpreten 1971
Im Spätwerk „Der verlorene Glanz“ setzte sich Walter Nigg mit dem aus
naheliegenden Gründen wenig zitierten im Matthäus Evangelium (11,23) enthaltenen
Satz von Jesus auseinander: „Ich preise dich Vater, Herr des Himmels und der
Erde, dass du solches den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen
offenbart hast.“ Der grosse evangelische Theologe bezeichnet diesen Text als
„radikale Umwertung“, die sich nicht einmal Nietzsche hätte träumen lassen. Sie
rührt an die Wurzel aller Dinge und wirft die bürgerliche und marxistische
Auffassung über den Haufen... Die paradoxe Lobpreisung richtet sich
unmissverständlich gegen die Klugen, gemeint die Intellektuellen, die sich unter
Schriftgelehrten und Nichtschriftgelehrten finden. Sie haben sich in ihrem
eigenen Verstand verfangen, indem sie die Vernunft zur obersten Instanz erhoben,
vor der sich alles zu rechtfertigen hat... Hat dies nicht schon Sokrates in
seiner Auseinandersetzung mit den Sophisten erfahren? Der Rationalismus wirkt in
religiöser Hinsicht ausdörrend, weil er den Menschen anleitet, nach der Vernunft
statt nach der Wahrheit zu dürsten“ (S. 8 – 10).
Nach Bruder Ägidius und vor Bruder Lorenz, Bruder Konrad, Matthias Claudius und
Johann Christoph Blumhardt wird Bruder Klaus in einem selbständigen Kapitel auf
37 Seiten behandelt. Einige besonders markante Sätze seien hervorgehoben: „Zu
allen Zeiten hat die Beute die Eidgenossen verblendet: im 15. und 16.
Jahrhundert die Burgunderbeute, im 20. Jahrhundert das in den Banken verwaltete
Kapital...“ Wenn der böse Feind auch anficht, sollt ihr desto ritterlicher
widerstehen“ (S. 104). „Sich in einem kargen Dasein zu bewähren ist leichter als
in einem Überfluss nicht übermütig zu werden.“ (S. 106). „Burgunderbeute ist
heute eine Chiffre für Hochkonjunktur und Wohlfahrtsgesellschaft, die beide
allzu grosse moralische Herausforderungen an die Eidgenossenschaft stellen.“ (S.
106). „Der Trend zum Amerikanismus schadet der Schweiz mehr als der Kommunismus,
weil er nicht, wie jener als Feind erkannt wird.“ (S. 106). „Die Stärke des
Kleinstaates liegt in der Konzentration nach innen und nicht in der Ausdehnung
nach aussen. Aber in seinem Innern muss Ordnung sein, sonst ist das Haus der
Heimat auf Sand gebaut.“ (S. 105). Jeremias Gotthelf empfiehlt, „dem Waldbruder
nicht ein Denkmal, sondern einen religiösen Altar im eigenen Herzen zu
errichten, der nicht mehr vergeht.“ (S. 108). Pius XII. anlässlich der
Heiligsprechung 1950: „Bruder Klaus ist nicht nur euer Heiliger, der unablässige
Beter sprengt die nationale Einschränkung. (S. 97) – nach Walter Nigg auch die
konfessionelle Vereinnahmung: „Er lebte in der Zeit der ungeteilten
Christenheit, weshalb ihm eine konfessionelle Sicht nicht gerecht werden kann.
Die Teilung in einen religiösen Bruder Klaus, dem die Innerkantone (wegen seiner
Heiligsprechung durch Pius XII) mehr zugetan bleiben, und in einen politischen
Bruder Klaus, den die Stadtkantone beanspruchten, ist unhaltbar, weil sie
trennt, was unbedingt zusammengehört und es nur einen Bruder Klaus gibt, der
jenseits der Parteien Streit steht. (S. 97). Bruder Klaus: „O liebe Freunde,
machet den Zaun nicht zu weit, damit ihr desto besser verharrt in Frieden, Ruhe
und Einigkeit...“ (S. 101). Walter Nigg: „Bruder Klausens Worte sind von einer
geradezu unheimlichen Aktualität. (S. 102)
Victor J. Willi, Rom Disentis
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