Enttäuschende SF1-Arena-Diskussion vom 8.4.2011?

Für oder gegen Christoph Blocher
– die vielleicht einzig wichtige Frage vor den Parlaments- und Bundesratswahlen

In meinem langen Leben voller Kommentare hauptsächlich über das italienische Geschehen habe ich noch nie so sehr gewünscht, eine völlig unbegründete Befürchtung zu hegen: mir scheint, die Würfel der kommenden eidgenössischen Parlamentswahlen vom 23. Oktober mit Auswirkungen auf die Bundesratswahlen von anfangs Dezember seien bereits gefallen: Gelingt es Christoph Blocher einmal mehr, den Urnengang der Bürgerinnen und Bürger zu einem “für oder gegen mich“ zu monopolisieren, dann hätte sich die ganze subtile, scheinbar hochinteressante ARENA-Diskussion des Schweizer Fernsehens vom vergangen Freitag über “Wer ist der Beste in der Mitte und kann sie am besten für sich gewinnen“, völlig erübrigt.

Mit Blochers Bereitschaft, zugleich für einen Sitz im National- und Ständerat zu kandidieren, könnte auch die Wahl von wenigstens zwei, vielleicht aber sogar drei Bundesräten bereits entschieden sein. Dass Christoph Blocher “todsicher“ einen Zürcher Sitz im Nationalrat gewinnen wird, ist für sozusagen alle Kommentatoren so gut wie selbstverständlich. Problematischer seine vorderhand wichtigste Ambition: einen der zwei Sitze des Kantons Zürich in der Kleinen Kammer zu erobern. Gelingt ihm das, so kann er früher oder später auf ein glänzendes Comeback in den Bundesrat hoffen – vielleicht sogar mit einem oder zwei weiteren ihm treu ergebenen SVP-lern von irgendwoher.

Der Ritter von der traurigsten Gestalt in der herrlichen Villa an der Goldküste…

Offensichtlich hat der wohl reichste Politiker der Eidgenossenschaft seine Abwahl als Bundesrat vor vier Jahren nicht verwunden. Seinen Hut nehmen und den Platz ausgerechnet seiner ärgsten “Verräterin“ Evelyn Widmer-Schlumpf überlassen zu müssen, war für den siegesgewohnten Christoph national eine Schmach sondergleichen und passte überhaupt nicht zu seinem herrlichen Palast mit herrlichem Blick über den Zürichsee auf die ewig verschneiten Alpen. An der schweizerischen Goldküste wohlverstanden.

… sinnt auf Rache – Warnung vor den vielleicht einmal
entscheidenden Opportunisten

Die mittlerweile sich um Evelyn Widmer-Schlumpf scharende bürgerlich-demokratische Partei (BDP) mag unter der geschickten Leitung von Hans Grunder in den letzten kommunalen und kantonalen Urnengängen von Sieg zu Sieg eilen. Dies schüchtert den Kämpfer der Kämpfernaturen keineswegs ein. Im Gegenteil, spornt ihn an, im Namen der gerechten Verteilung der Bundesratssitze gleich drei “saubere und echte“ Vertreter in die höchste Exekutive der Eidgenossenschaft entsenden zu können. Nach seinen unzimperlichen Plänen wird es Frau Widmer-Schlumpf wenig nützen, im Ruf der besten Bundesrätin zu stehen. Im Schlepptau emotional geführter und mit uferlosen Geldmitteln unterstützter Propaganda mag es Blocher gelingen, aus seiner Rolle als Opferlamm der ungerechten Mitteparteien zu schlüpfen. Vielleicht sogar mit der entscheidenden Unterstützung all jener Opportunisten, die nicht nur in Italien stets beizeiten auf den Wagen des gut betuchten Siegers springen.

Bundesrat Ueli Maurers Vorhersage, ein Stimmengewinn seiner Partei bis zu 40% könnte sich verheerend auf die schweizerische Demokratie auswirken, ist zugleich der vielleicht dümmste, vielleicht aber auch genialste Schachzug des nicht nur einst in der Armee, sondern jeden Morgen auf der Fahrt zum Bundeshaus radfahrenden, sich stets im Gleichgewicht haltenden Bundesrates – bisher einziger Vertreter der dank Christoph Blochers polemischer Albisgüetli-Politik weitaus grössten, über Jahrzehnte hinweg jedoch kleinsten Bundesratspartei.

Hoffentlich blosse Befürchtung eines Aussenseiters

Wohlverstanden, ich betrachte die Schweizer Politik von weit her, aus dem Ausland als Auslandschweizer auch mit Wohnsitz im Klosterdorf des Bündner Oberlandes. In einer solchen Angelegenheit haben allerdings immer nur die Amerikaner recht, wenn sie sagen “take it for what it’s worth“. (Man nehme das, was man befürchte für das, was es wert sein mag). “Tant pis“, wenn ich leider recht, “tant mieux“, wenn ich Gottlob unrecht bekommen werde. Vielleicht sind die Würfel für den 23. Oktober einmal mehr mit Hilfe irgendeiner Katastrophe oder Skandalaffäre noch nicht gefallen und ist diese Stellungnahme lediglich Ausdruck meines Pessioptimismus: dass ich immer das Schlimmste befürchte und dann froh bin, wenn – wie fast immer – es sich nicht ereignet. Solange wir hoffen können, hoffen wir auf die wohlverdiente Wiederwahl der energiegeladenen hochintelligenten, leider abgemagerten Evelyn – als hätte sie einer Schlankheitskur bedurft!

Victor J. Willi, Rom Disentis

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