Ich bin doch kein Pestalozzi!
Ein hirnverrückter Vorschlag zur Errettung der AHV auf Zeit, nicht auf Abruf
Sogar in Rom habe ich erfahren, dass die AHV nach jahrelangen Riesengewinnen gewichtige Verluste durch Fehlspekulation vor allem im Ausland erleiden musste, Über einen mir und vielen Südländern durchaus berechtigten Vorschlag zur Aufpolierung der schweizerischen Alters- und Hinterbliebenenversicherung ist mir hingegen nichts zu Ohren gekommen. Fall das, was sie und ich durchaus berechtigt finden, für meine Landsleute in der Schweiz hingegen Schnee von vorgestern ist, muss ich mich für den Zeitaufwand entschuldigen, der das Lesen dieser Einleitung bereits in Anspruch genommen hat.
Die Idee kam mir bei einer Zugfahrt durch Graubünden vor einem halben Jahr. Da waren die alten bis uralten Reisegefährten munter und vergnügt, dass sie „für einen Pappenstil“ - wie einer sagte – nach Lust und Laune in der Heimat herumsausen können, Tag für Tag, wenn sie wollten, mit Sonderangeboten und -vergünstigungen nicht nur auf den sicheren schnellen Rädern, sondern in vielen Restaurants, auf Bergbahnen, wohin sie gerade wollten, um die lange Zeit zu vertreiben. Das meiste zum halben Preis und mit dem Gruss zum Abschied, die werten Gäste bald wieder einmal willkommen heissen zu dürfen, das Haus weiter zu empfehlen - „hier ist die Karte“ - sie seien doch hoffentlich in jeder Hinsicht, nicht nur auf der Fahrt nach... auf ihre Rechnung gekommen.
„So einer kann mir wirklich gestohlen werden, es gibt doch noch andere noch schönere Ausflugsziele in der Schweiz, das wüssten die meisten Ausländer nachgerade“, witzelte einer, und die wenigsten lachten still in sich hinein. Die meisten waren froh um diesen Witz, den sie noch nie gehört hätten, sagte ein anderer und liess alle, wein- oder wenigstens limonadegeschwängert, herzlich lachen.
Der stumme Fahrgast im nächsten Coupé
Im nächsten Abteil sass um zehn Uhr morgens einsam und verlassen ein junger Mann. War er auf Stellensuche oder hatte er eine Kündigung oder die xte Absage in der Westentasche oder – einfacher – trug er sie lediglich im bekümmerten Gesicht zur Schau? Da kam mir etwas Verrücktes, ja für das vielleicht noch immer reichste Land der Welt das Hirnverrückteste in den Sinn: Wenn diese alten rechtschaffenen und rechtschaffenden alten Leute mit prächtigen Pensionskassen im Rücken bis zum Tode und der AHV obendrein eigentlich auf die AHV verzichten könnten, sich auch ohne die staatliche Unterstützung nichts, aber auch gar nichts an ihrem luxuriösen Weiterleben bis zum letzten Tag mit vielleicht über hundert Jahren ändern würde, könnten die jungen Arbeitnehmer mit fortlaufenden Abzügen für die AHV durch ein freundeidgenössisches Verhalten nicht gelassener auf die Zeit nach 65 schauen? Es blickt auf eine viel ältere Einrichtung als die Alte Eidgenossenschaft mit ihren immerhin 718 Jahren zurück. Die Allmenden, die zum Schönsten gehören, was beispielsweise die Gemeinden an der Goldküste, aber auch anderswo für Spaziergänge und Streifzüge zu bieten vermögen, verlieren sich in der Geschichte der alten Alemannen. Neben vielen andern Faktoren haben sie als Idee und Realität nicht wenig zum Rütlischwur, wenigstens zu seinem offiziellen Fortbestand bis zum heutigen Tage, beigetragen. Ihre Einkünfte kamen den Bedürftigen unter ihnen zugute.
Pestalozzi als abschreckendes Beispiel
Der freiwillige Verzicht auf die AHV-Beiträge könnte sich nach meiner Einschätzung wenigstens ein Viertel der Bezüger ohne weiteres leisten und würde höchstens – doch unwahrscheinlich – den Hinterbliebenen der Schwerreichen ein wirkliches Opfer bedeuten. Was geht nun vor: Eigennutz und
Familienfürsorge durch Dick und Dünn auf ewige Zeiten, ungeachtet der Verluste oder aber das viel zitierte und häufig schlecht honorierte freundeidgenössische und darüber hinaus das blosse Empfinden der Mitmenschlichkeit über alle Grenzen hinweg?
Ein Zürcher an der Tramhaltestelle beim Hauptbahnhof Richtung Goldküste oder aber die Schattenseite des Zürichsees stimmt mich skeptisch. Ich war soeben von New Delhi her in Zürich Kloten gelandet und rang mitten am Tag mit dem
Jet-leg. Eine junge Frau mit einer Zehnernote in der Hand bat um Kleingeld für den Münzapparat. Niemand wollte (oder konnte) ihr das Gewünschte für den Billet-Bezug geben. Der junge Mann im schneidigen Anzug mit
Kravatte neben mir – wahrscheinlich ein damals erfolgreicher Manager – sagte verächtlich: „Ich bin doch kein Pestalozzi“ und grinste zu seiner vermeintlich witzigen Bemerkung. Mir verschlug es die Stimme. Den vielleicht grössten, wenigstens bekanntesten Erzieher der Schweizer Geschichte nicht als Vorbild, sondern als abschreckendes Beispiel vorgeführt zu bekommen, verstärkte den Kulturschock und liess mich verwirrt mein nächstes Tram verpassen.
Übrigens: Heute 03:00h vor 31 Jahren ist, „einsam wie ein Hund“ (Aussage eines Schweizergardisten), nicht umgeben von Würdenträgern und Familienangehörigen, Albino Luciani / Johannes Paul I. - nach 33 tägigem Pontifikat gestorben. 1998 fand zum ersten Mal weltweit eine Nachtwache zu seinem Gedenken statt, 2008 einmal mehr wiederholt, soweit nicht jedes Jahr seither gewisse Gläubige – vor allem Jesuiten – den Anlass zum Gedenken des von uns überforderten und wir von ihm überforderten Papstes, in seiner nicht nur gelehrten, sondern gelebten Bescheidenheit vorbildlichen und wegweisenden Oberhirten der katholischen Kirche benützen.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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