Max Rapold – ein fröhlicher Mensch bis…

Mehr als sechzig Jahre lang kannten wir uns. Doch – soweit ich mich erinnere: Nie hatte ich Max Rapold traurig erlebt. Dabei blieb er keineswegs von allem Unglück verschont, doch dies liess er mich nur gleichsam in grossen Zügen wissen… wenn alles vorbei und irgendwie im Reinen war.

Wir lernten uns an der Uni Zürich kennen. Er studierte Rechtswissenschaft, ich rerum politicarum, genauer Soziologie, das einzige Fach, das mich neben Rechtsphilosophie und Rechtsgeschichte damals interessierte. Dies führte zu halbnächtlichen Diskussionen, zuerst unter uns, dann mit weiteren Freunden aus allen möglichen Wissensgebieten. Der Psychologe Wulf Listenow war dabei, Seelenforscher von Beruf und aus Berufung. Er führte uns die “Tatsächlichkeit“ der Gedankenübertragung ohne Möglichkeit der Widersprüche vor Augen. Wir – ein Soziologiedozent aus New Orleans auf Besuch in der Casa Grischuna in Zollikon – kamen aus dem Staunen nicht heraus. Zum Glück sass seine spindeldürre Frau – eine waschechte Amerikanerin schottischer Herkunft - auf einem soliden Stuhl. Sie hätte sich bei diesem Anblick nicht auf den Füssen halten können. Schweigend hatten wir uns auf ein zuvor nicht abgesprochenes Zeichen geeinigt, während Listenow im nächsten Zimmer, wenigstens vier Meter von uns entfernt, wartete und fast haargenau das nachzeichnete, worauf wir uns geeinigt hatten. Aus „unserem“ wurde „sein“ - lediglich die zwei “Beine“ waren auf seinem Bild ein bisschen verändert.

Der stärkste in Europa gewonnene Eindruck

Nichts hätte ihn bei seinem ersten Besuch der Alten Welt so sehr beeindruckt wie diese überzeugende Demonstration der nicht mehr zu bestreitenden Gültigkeit der Telepathie, schrieb mir ein paar Wochen später Ed Powell aus seiner neuen Welt. Der Sprung übers grosse Wasser hätte sich bereits wegen dieses mit Listenow verbrachten Abends gelohnt… Wir alle verdankten Max dieses grosse Erlebnis. Er war das Bindeglied zwischen uns. Wie, wo und warum er Wolf kennenlernte, gehört zu den vielen Dingen, die man einen Toten nicht mehr fragen kann… und so gern wüsste, wenn die Gelegenheit dazu bestünde.

Der Verlust seiner ersten Frau – intelligent, hübsch, zierlich – traf Max sehr schwer und vielleicht auch nachhaltig bis zum Ende seiner Tage. Er liess sich aber wenig davon anmerken, wollte mit seinen Sorgen nicht andere belasten. Genug, dass er sie selber ertragen musste und so gut wie möglich bewältigen konnte.

Mit meiner Tätigkeit als Korrespondent in Rom und New Delhi verloren wir uns aus den Augen. Wie staunte ich, bei einer Redaktionssitzung der Schaffhauser Nachrichten – eingeladen vom Auslandredaktor Waldvogel – plötzlich Max vor mir zu sehen. Er grüsste über die Köpfe hinweg und stellte mich vor. In der “Sie-Form“, als hätten wir uns nicht schon während der Studienzeit gekannt. So hart waren damals die Bräuche! Und im Schlepptau der 68-er Bewegung wenigstens in der Schweiz noch jahrelang später. Wir hätten uns sogar einmal geduzt, bemerkte ich zum Gelächter der jüngeren Redaktoren. Was Max nicht einfach nur bestätigte, sondern versprach, diese Angelegenheit nachher in seinem Zimmer zu bereinigen.

Seither – über Jahrzehnte hinaus – sahen wir uns bei vielerlei Gelegenheiten. Auch einmal bei der Tagung des Schweizerischen Pressevereins, dem er als Chef der schweizerischen Zeitungsverleger jahrelang vorstand. Später in Rom und Zürich, wo auch immer ich Vorträge gehalten hatte - obwohl Max nach wie vor nicht sehr viel von meinen Ideen hielt – wollte er sie doch kennen lernen. So interessierte ihn mein Standpunkt über den sogenannt mysteriösen Tod Johannes Pauls I., des lächelnden Papstes der 33 Tage, der nicht – wie viele im Fahrwasser von David Yallop glaubten – einem gewaltsamen Tod, sondern völlig natürlich, durch distress, der gegenseitigen Überforderung, zum Opfer gefallen ist.

Für eine gute Pointe stets zu haben

Max liebte die Provokation. Nach den Astrologen schon deshalb, weil er im Zeichen des Wassermanns das sogenannte Licht der Welt erblickte. In einem Schaffhauser service club bezeichnete er mich als seinen guten Freund aus alter Zeit, doch als Korrespondent der Schaffhauser Nachrichten würde ich dann und wann zu wünschen übrig lassen. Was blieb mir anderes übrig, als allen Gästen vom Podium aus zu empfehlen, weniger auf die Mängel des Italienkorrespondenten ihrer Zeitung zu achten, sondern froh zu sein, dass diese Zeitung den besten Chefredaktor und Verleger habe.

Alle lachten, am meisten vielleicht Max Rapold. Er provozierte gern, liess sich aber auch manches gefallen. Er kannte meine Wertschätzung für ihn und liess mich mehr als “nur“ seine Freundschaft spüren. In Disentis, wo er ein Appartement besass, fuhren wir gelegentlich die gottlob schrägen, der Sonnne nicht so direkt ausgesetzten Hänge hinunter. Er auf uralten langen Pommes-Frites-Skis, wie mit dem Aufkommen der kurzen breiten Carvings die Ladenhüter in den Geschäften verächtlich genannt wurden. Wie sparsam konnte Max wie viele seiner Generation sein, wenn er den Zweck der Übung des “new is better“ nicht einsah, nicht einsehen wollte, selbst auf die Gefahr hin, als Ewiggestriger von den möglichst Übermorgigen verspottet, wenigstens belächelt zu werden!

Patrick, das Wunderkind

Wenig später liess er mich wissen, mit seinen zwei jungen Söhnen – Martin und Patrick – nach Rom zu fliegen. Er wollte ihnen Rom zeigen, hatte bereits ein Hotel gebucht. Auf dem Flugplatz Leonardo da Vinci hätten wir uns bei all dem sommerlichen Gedränge beinahe verpasst. Ich konnte ihn und die beiden Teenager überzeugen, dass es bei mir im abgelegenen Riano, mitten in der wunderbaren, fast unbekannten campagna romana schöner sein könnte als im touristisch-verseuchten Rom. Wir verbrachten herrliche unvergessliche Stunden, nicht zuletzt in der Piscina, wo wir eine Art Volley-Wasserball spielten, uns vor- und nachher mit dem Bocciaspiel vergnügten. Da erfuhr ich, dass Patrick bereits in jungen Jahren als begnadeter Pianist in öffentlichen Konzerten spielte, wenigstens ein halbes Wunderkind gewesen ist.

Patrick – wohl auch seinem Vater – gefiel meine Frau Cécile besser als dieser Victor, fast ein Störenfried. Einmal hatte Patrick einen Seelenschmetter, oder es war ein anderer Grund, der ihn an einem Morgen anrufen liess, er könne noch am gleichen Tag nach Rom fliegen. Mittlerweilen hatten wir ein ziemlich verstimmtes Klavier angeschafft, Patrick holte das Menschenmögliche aus dem alten Kasten heraus. Er liebte Mozart, ich liebte Mozart – da waren wir wenigstens in dieser Hinsicht ein Herz und eine Seele.
Max revanchierte sich mit einer Kreuzfahrt von Venedig nach Patras. Freilich für beide, nicht nur für Cécile. Ich sollte an Bord über meine Tätigkeit als Auslandkorrespondent berichten. So früh am Morgen liess sich die Zahl der Zuhörer überblicken. Besonders eindrücklich war jedenfalls die Fahrt durch den Kanal von Korinth. Mehr oder minder im Schritt-Tempo, um nirgends anzustossen.

Hablo el castellano mejor que Usted

Bei den Mahlzeiten waren wir nicht allein. Eine altehrwürdige Pianistin aus Schaffhausen war mit von der Partie. Sie lobte ihrerseits die köstlichen Speisen an Bord des italienischen Dampfers. Der Kellner war ein Spanier. Stolz wie er im Buche steht und geradezu entrüstet, für einen Italiener gehalten zu werden. Ich holte meine Spanienkenntnisse aus der hintersten Ecke meines Gehirns, und als er einmal mein Español nicht verstand, verstieg ich mich scherzhaft zur Behauptung, ich würde besser als er spanisch reden. Die grösste Beleidigung für ihn, doch ein guter Grund für ein herzhaftes Gelächter der Tischrunde. Der arme Spanier stand auf verlorenem Posten. Auch in seinem Land gilt wenigstens im Tourismusgeschäft: der Kunde hat immer recht.

Der kurz entschlossene Max für ein auch ihm bedeutsames Ereignis

Erst am Samstagmorgen um acht Uhr – einem Samstag, den 17. Februar 2001 – erwischte ich Max am Telefon. Ich hätte ihn bereits gestern für die Verteilung von Céciles Asche fünf Stunden später auf dem Monte Bré einladen wollen. Kurz entschlossen fuhr Max die lange Strecke von Schaffhausen bis zur wirklichen Hauptstadt des Tessins. Ungeachtet seiner damals fast 80 Jahre. Wenn er jemanden wirklich mochte, machte Max das Unmögliche möglich. Er war bereits kurz nach zwölf Uhr an der verabredeten Stelle, dem Utoring hoch über Lugano. Im Blick auf seine schwere Krankheit wenig später habe ich bei diesem Gedanken ein schlechtes oder rundweg rabenschwarzes Gewissen.

Er verstand mich noch, die Zeichen waren überdeutlich

Das letzte Mal sah ich ihn in Schaffhausen. Max lag im Sterben. Bereits eine Woche zuvor erfuhr ich, es hätte wenig Sinn, ihn zu besuchen. Er könnte kaum noch etwas wahrnehmen. Ich liess es nicht bei dieser Auskunft bewenden, tat meinerseits das Menschmögliche, wenigstens bei dieser Gelegenheit. Ich sollte es nicht bereuen. Was ich an seinem Sterbebett erlebte, gehört zu den stärksten und wertvollsten Eindrücken meines Lebens. Es war mir ein Bedürfnis, ihm für einen grossen Dienst, den er mir kurz vor dem Milennium-Sprung erwiesen hatte, meinen Dank auszusprechen. „For what it´s worth“, dachte ich mir: Konnten ihn meine Worte nicht erreichen, waren seine Augen und Ohren schon allzu sehr verschlossen, so wollte ich – für einmal wie er – das Unmögliche möglich machen.

Während er mit halb geöffneten Augen da lag, wirklich ein Häuflein Elend wie so viele Menschen vor dem Tod, sagte ich ihm langsam und deutlich, wie er mir Jahre zuvor in einer Notlage geholfen hatte. Arnold Guillet, der Verleger meines Buches “Im Namen des Teufels?“ Antwort auf Yallops Bestseller “Im Namen Gottes?“ über den angeblich mysteriösen Tod Johannes Pauls I., wollte auf Biegen und Brechen für die fünfte Auflage meines Büchleins nicht von einer alten Tradition abweichen. Noch nie hätte er auf der Rückseite eines seiner im Christiana Verlag in Stein a.Rhein verlegten Bücher anstelle eines Bildes einen Text veröffentlicht. Ich bemühte mich hingegen durch dick und dünn, fünf Zitaten aus den Tagebüchern des nach 33 Tagen verstorbenen Papstes, die seinen Distress-Tod mehr als alles andere und vor allem kürzer gefasst – die grösste Aufmerksamkeit zu verschaffen. Konnte es nicht am besten auf der Rückseite geschehen?
Ich wusste, dass Arnold viel von Max hielt und hatte das ungeheure Glück, meinen langjährigen Freund noch kurz vor dem Verlassen seines Hauses, gleichsam unter der Tür zu erreichen. Er hätte das Läuten des Telefons gar nicht mehr beachten wollen, erklärte mir Max noch am gleichen Abend.

Max liess sich erweichen. Er setzte sich mit dem Verlagsleiter in Verbindung und erreichte, was mir am Herzen lag. All das sagte ich dem vom Tod gezeichneten Max, der angeblich nichts mehr begreifen konnte. Dass er meine Worte der tief empfundenen Dankbarkeit jedoch verstanden hatte, bewies Max mit Tränen in den Augen. Beatrice, sein Schutzengel während mehrerer Wochen – Monate? – seines langen Sterbens hat alles mit angesehen und bestätigt. Ich bin froh, meinen lieben guten alten Freund mit einem Dank in den Tod begleitet zu haben. Meine Reise nach Schaffhausen war alles andere als umsonst. So wenig wie seine hektische Fahrt nach Lugano ein paar Jahre früher. Manchmal denke ich, man könne – allem Widerwärtigen zum Trotz – irgendetwas von der Handschrift einer höheren Macht als sie uns Menschen eigen ist, verspüren, vielleicht sogar erkennen.

Ich bin kein Schriftsteller, kenne meine Grenzen als Sachbuchautor, doch ein solches Erlebnis mit einem sterbenden Menschen, meinem Freund seit sechzig Jahren, ist es wert, dass sich der Unfähige um etwas viel Grösseres als er selber zu leisten vermag, wenigstens bemühte.

Victor J. Willi, Rom Disentis

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