„Kübler?“ - „Sì, padre“…
Arnold Kübler «Sage und schreibe» (Artemis Verlag Zürich 1969)

Wo ich es gelesen habe, weiss ich nicht mehr. Etwa in der “Zürcher Illustrierten“, die es bis 1941 neben der “Schweizer Illustrierten“ gab oder in der Zeitschrift DU, deren Chefredaktor Arnold Kübler zwischen 1941 bis 1957 gewesen war? Vielleicht stand es auch irgendwo in seinem Theaterstück VELODYSSEE, dem sportlichen Epos, das er 1947 verfasste. Freilich in Anlehnung an seinen grossen Namensvetter Ferdinand Kübler, Weltmeister im Radfahren und Ikone des Schweizer Sports der ersten Nachkriegsjahre. Er gewann sozusagen alles, wenigstens einmal: den Giro d’Italia, die Tour de France und natürlich die Tour de Suisse.

Der im Zeichen des Löwen geborene Journalist, Schriftsteller, Kabarettist und Zeichner wusste, dass er bei aller Volkstümlichkeit nicht zuletzt mit seinen Dialekt-Gedichten und –Geschichten für die “gewöhnlichen“ Schweizer und alle Italiener sich nicht mit Ferdinand, dem grossen Radfahrer messen konnte, Ferdi national war das Aushängeschild des erfolgreichen Schweizersports der Nachkriegszeit.
Wie sehr dies der Fall war, bekam Arnold Kübler einmal an der Schweizer Grenze bei Chiasso zu spüren. Damals – von 1945 bis 1955 – gab es noch eine ziemlich strenge Passkontrolle sowohl der italienischen als auch der schweizerischen Beamten. Jeder Schweizer im Zug musste sein rotes Büchlein zweimal zeigen. Der italienische Zöllner wurde beim Namen Kübler stutzig. Er war aber ausreichend diskret, um es bei einem erstaunten Blick auf den Namen im Reisepass und dann wieder auf seinen Träger – immer wieder hin und her – bewenden zu lassen. Arnold Kübler erlöste den Beamten von seiner Qual des Nichtwissens, wie und wo und ob vielleicht sogar sehr nahe der Schriftsteller zum weltberühmten Velofahrer passte. Arnold Kübler sagte gelassen „Padre“. Nun fand der Zöllner es nicht mehr wichtig, das Gepäck des Vaters des berühmten Schweizer Radfahrers näher unter die Lupe zu nehmen. Die Freude, dem Vater des grossen Ferdinand in Fleisch und Blut begegnet zu sein, liess ihn seine Pflicht vergessen. „Pensaci“ denke doch daran, ich bin dem Vater des grossen Schweizer Weltmeisters begegnet“, höre ich ihn allen seinen Verwandten und Bekannten sagen und stelle mir das Schmunzeln des erfolgreichen Schriftstellers und Künstlers vor. Wenigstens dank Ferdinand Kübler war auch Arnold Kübler für alle Italiener ein Begriff, und sei es auch nur wegen des gleichen Familiennamens.

Bei der Lektüre von Arnold Küblers “Sage und schreibe“ (Artemis Verlag Zürich 1969) bin ich auf Seite 53/54 auf die entsprechende für Arnold Kübler ernüchternde Passage gestossen:

„Ich schlug dem Bühnenmeister Lesch ein ironisches Epos im Stile Homers über die Tour de Suisse vor, auch dies aus persönlicher Anteilnahme, weil mein Namensvetter Ferdi, genannt Ferdi national zurzeit eben die Strassenrennen seines Lebens lieferte. Ich meinerseits lieferte dann die ersten zwanzig Verse zum Thema. Genügt, sagte die Theaterleitung. Dann kam die Sache auf die Bühne. Man liess – ein Regieeinfall – den einen Schauspieler auf einem Kindervelo auf der Bühne herumfahren. Darüber lachte das Publikum so, dass meine zur Sache gesprochenen Hexameter völlig unter den Tisch fielen. Man nannte das Regie…“
Für einen im Zeichen des Löwen Geborenen besonders schwer zu ertragen!
 

Victor J. Willi, Rom Disentis

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