Johannes Paul I. -
Lichtgestalt im 20. Jahrhundert und Wegweiser für das Papsttum des
3. Jahrtausends nach Christus
Im Zeichen der Konzentration auf Bescheidenheit und Liebe
In gelassener Heiterkeit
Wenn ich in irgendwelchen – auch kirchlichen – Kreisen auf Albino Luciani /
Johannes Paul I. zu sprechen komme, dann gibt es viele, die entweder gar nichts
(mehr) von ihm wissen oder kurzerhand sagen: „Aha, Sie meinen jenen Papst, den
sie ermordet haben.“ Mit seinem Buch „Im Namen Gottes?“ (in der englischen
Originalfassung ohne Fragezeichen!) hat David A. Yallop ab 1984 einen weltweit
durchschlagenden Erfolg erzielt. 26 Jahre nach der ersten Auflage wird seine
Mordthese wenigstens nördlich und westlich der Alpen weitherum als
selbstverständlich richtig betrachtet.
Die Behauptung, dass der englische Autor über das Leben und Sterben des
vorletzten Papstes lediglich einen glänzend geschriebenen Kriminalroman, doch
keineswegs einen Dokumentarbericht veröffentlichte, stösst bei vielen
romkritischen Beobachtern auf Widerstand. Dass sie lediglich die Opfer des seit
langem bestehenden, im Grunde bereits antiken, nicht erst auf Martin Luther
zurückgehenden antirömischen Affektes sind, hat der Jesuitenpater und bereits
zum Kardinal erwählten, aber den Purpur nicht empfangenden Hans Urs von
Balthasar 1) nachgewiesen. Symptomatisch das Gedicht von Konrad Ferdinand Meyer:
„In diesen tausend Kammern herrscht der Trug, ein Deutscher kam nach Rom und
wurde klug.“
Unter solchen Vorzeichen hatte meine Gegendarstellung „Im Namen Gottes?“ – von
TRENTA GIORNI auch in französischer, spanischer, englischer und portugiesischer
Fassung kurzerhand als ANTI-YALLOP bezeichnet – drei Jahre später geringe
Chancen, mehr als einen goodseller-Erfolg zu erzielen. Immerhin musste bereits
zwei Monate nach der Erstveröffentlich im November 1987 eine zweite Auflage mit
nochmals 7000 Exemplaren gedruckt werden. Die fünfte ist auf den
Millenium-Sprung vom Christiana Verlag Stein am Rhein herausgekommen. 31’000
Exemplare wurden verkauft, jetzt ist es beinahe zum Stillstand gekommen. Die
Verlagsleitung will vorderhand keine 6. Auflage mit dem neuen Untertitel „Der
von uns und wir von ihm überforderte Papst“ ins Auge fassen. Der letzte lautete
„Möglichkeiten und Grenzen eines heiligen ‘Heilgen Vaters‘. Im Fernsehduell der
Aschaffenburger-Gespräche im Rampenlicht der ARD hatte Yallop das Publikum
hinter sich und konnte unter Applaus sogar erklären: „Der Vatikan lügt, der
Vatikan hat immer
gelogen und wird immer weiter lügen“. Wäre ich schlagfertig genug gewesen, hätte
ich ihn mit dem Satz „Schaut mal her, mein Gesprächspartner kennt nicht nur die
Geschichte der Kirchenleitung, sondern gleich noch ihre Zukunft“ der
Lächerlichkeit anheimstellen können. Wenigstens das. Später ist man immer
klüger! 2)
Die Bedeutung Johannes Paul I.
im umgekehrten Verhältnis zur Kürze seines Pontifikates“
Mit seinem bloss 33 Tage lang dauernden Pontifikat war Johannes Paul I.
ausserhalb Italiens bald vergessen. Wer ihn aus der Nähe erleben durfte, seine
vier Generalaudienzen besucht oder „wenigstens“ am Bildschirm gesehen hat, war
durchwegs tief beeindruckt von dieser einmaligen Lichtgestalt auf dem Thron
Petri. Als ich drei Jahrzehnte später über den Gartenzaun mit meiner Nachbarin,
Frau eines Buschauffeurs, auf den letzten italienischen Papst zu sprechen kam,
hatte sie gleich Tränen in den Augen. Mein Stiefsohn, von seiner Mutter aus der
Zwinglistadt – wenn schon – protestantisch erzogen, sagte spontan nach dem
ersten Auftritt des neuen Papstes auf der Loggia über dem Petersplatz: „Wenn
alle Päpste so wären, gäbe es bald nur noch Katholiken auf der Welt.“
Dies war freilich eine starke Übertreibung, nur verständlich als momentane
Überwältigung durch eine die Liebe und Güte, vor allem auch die Bescheidenheit
und nicht zuletzt den tiefgründigen Humor ausstrahlende Persönlichkeit, einmalig
und durchschlagend, aber – wie ein Komet am Himmel – vorderhand ohne nachhaltige
Wirkung. Geradezu prophetisch hingegen der Satz des Kardinals von Krakau und
seit Jahren häufiger Gast in Venedig – Karol Wojtyla – noch während des
Sedisvakanz, die zu seiner eigenen Wahl führte: „Wer weiss, die Bedeutung von
Johannes Paul I. steht im umgekehrten Verhältnis zur Kürze seines Pontifikates.“
“Der Mensch denkt, Gott lenkt“
32 Jahre nach dem Tod Johannes Pauls I. drängt sich mehr und mehr die Frage auf:
Stand das kurze Pontifikat Johannes Pauls I. insoweit im göttlichen Heilsplan,
als dieser Papst vorderhand lediglich dazu ausersehen war, ein grosses
nachhaltiges Zeichen zu setzen. Diese Vermutung äusserte 1998, zwanzig Jahre
nach Albino Lucianis Tod, der damalige Kardinal Josef Ratzinger, der jetzige
Benedikt XVI:
„Wie konnte ein derart guter Mensch so schnell dem Heiligen Stuhl entzogen
werden? Dann kam mir der Satz in den Sinn, der auf Marcellus II. gemünzt war.
Auch jener Papst ist plötzlich gestorben ‘gezeigt, nicht gegeben‘. Seither wird
es immer offensichtlicher, dass auch das ‘Zeigen‘ seine Bedeutung hat.
Papst Luciani bleibt in der Erinnerung aller als der gute Seelsorger. Er hat
sein Leiden in ein Lächeln der Güte verwandelt, und diese Botschaft ist
besonders heute von grosser heilsamer Bedeutung (vgl. TRENTA GIORNI, Juli/August
1998, S. 29.) Johannes Paul I. war dazu berufen mit seiner Empfehlung, statt
alle Tugenden gleichzeitig erfüllen zu wollen, was lediglich ein höllisches
Durcheinander zeitigen würde, „sich auf die Bescheidenheit und Liebe in
gelassener Heiterkeit zu konzentrieren.“ (vgl. MIT EINEM LÄCHELN GESAGT,
Ausgewählte Texte für jeden Tag des Jahres, herausgegeben von Wolfgang Bader,
Verlag Neue Stadt, München/Zürich/Wien, 2. Auflage 1999, S. 75)
Lediglich die von der Bescheidenheit in gelassener Heiterkeit getragene Liebe
vermag die Geschichte der Menschheit in etwas Besseres zu verwandeln als es
heute den Anschein bietet. Ohne Bescheidenheit verkommt die Liebe nur allzu
leicht zur grossen Versuchung des grossen Versuchers
• nur als Nächsten- statt auch als Fernstenliebe begriffen und gelebt zu werden
• sich von ihrer Ausübung etwas zu versprechen: das Lob der Umwelt, die
Selbstzufriedenheit oder gar nach dem Tod den Himmel zu „er-reichen“. Nach dem
Matthäus Evangelium hat Jesus ausdrücklich davor gewarnt, sich den Lohn selber
zu holen und damit vom himmlischen Vater nichts erwarten zu dürfen.
Nur die von der Bescheidenheit getragene Liebe lässt uns hoffen, dass das
Pulverfass, auf dem wir sitzen
• mit all den Nuklearwaffen im Besitz von – jetzt – acht souveränen Staaten
• mit dem Hunger in der 3. Welt und – wer weiss – bald in unserer Mitte
• mit der trotz all der ergebnislosen internationalen Konferenzen zur
Verringerung und Verbreitung der fortschreitenden Erderwärmung
• mit der noch längst nicht gezähmten gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise
unter den gegenwärtigen Bedingen einer UNO als blosser Staatenbund, nicht zur
Explosion gelangt.
Auch dafür haben das Leben und Sterben des vorletzten Papstes ein grosses
Zeichen gesetzt – nicht nur für heute, sondern die ganze Zukunft der Menschheit.
Wie lässt sich ohne Bescheidenheit und Liebe in gelassener Heiterkeit eine
glückliche Zukunft der Menschheit auch nur vorstellen?
Offensichtlich gewordener göttlicher Heilsplan
Vielleicht musste Albino Luciani so früh sterben, um für die nächstliegende
Aufgabe der Kirche den Weg zu ebnen. Im Jahre 1978, kurz nach der Ermordung von
Aldo Moro durch die Roten Brigaden, präsentierte sich die zweite Supermacht mit
ihrer verführerischen These der Gütergemeinschaft und Überwindung des
besitzgierigen bösen Adams nicht nur in ihrer ganzen Gefährlichkeit, sondern
auch beträchtlichen Attraktivität vor allem für die von ihren Vätern
enttäuschten Jugendlichen auch in der sogenannten freien Welt. Johannes Paul II.
half entscheidend, die Gefahr eines dritten Weltkrieges zu bannen und mit seiner
Unterstützung der Solidarnosc-Gewerkschaft wesentlich zur Infragestellung und
schliesslich Auflösung der Sowjetunion beizutragen. Zugleich warnte Karol
Wojtyla den vermeintlich befreiten Westen vor dem Hochmut und der
Selbstüberschätzung, die seither stattgefunden hat. Unvergesslich sein Auftritt
in Denver 1992. Neben dem amerikanischen Präsidenten Bill Clinton stehend
bezeichnete der Papst aus Polen den Konsumismus als vielleicht noch grössere
Gefahr al den Kommunismus, den er vor seiner Wahl als Mensch, Priester und
schliesslich Kardinal von Krakau hautnah zu spüren bekam.
Sicherlich nicht im Alleingang, sondern auch mit Hilfe von Michael Gorbatschow
befreite der zweite Johannes Paulus die Menschheit von einem möglichen Atomkrieg
mit unabsehbaren Folgen. Dem Papst aus Polen ging es wahrlich nicht darum, den
mit der Globalisierung überwältigend gewordenen Kapitalismus zu unterstützen,
sondern die unmittelbare Gefahr der kommunistischen Heilslehre, ja
Paradiesvorstellung in die Schranken zu weisen und den Weg zu ebnen, damit das
Hauptanliegen des 33 Tage-Papstes – die Konzentration auf Bescheidenheit und
Liebe in gelassener Heiterkeit – erneut ins Auge gefasst werden kann.
Beide Johannes Paulus-Päpste haben grosse Zeichen nicht nur für die Christen,
sondern die Menschheit in ihrer Gesamtheit gesetzt. Der erste Johannes Paulus
war bereits als Priester, Bischof von Vittorio Veneto, Patriarch von Venedig und
schliesslich als Papst zu Lebzeiten für alle, die seine Bescheidenheit und Liebe
in gelassener Heiterkeit auf sich wirken lassen konnten, für sein Jahrhundert
eine Lichtgestalt. Im dritten Jahrtausend nach Christus darf er vielleicht für
mehr und mehr Menschen der Wegweiser in die Zukunft sein. Seine hoffentlich
baldige Seligsprechung kann wesentlich zur Erfüllung dieser Mission beitragen.
Für die Menschen im Veneto war Albino Luciani schon zu Lebzeiten ein Heiliger.
Kann er es, früher als wir heute denken, bald für die ganze Menschheit werden?
Victor J. Willi, Rom Disentis
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