Max Frisch brauchte Bewunderer, keine Aussenseiter

Die Begegnung mit Max Frisch verdanke ich Paul Nizon, unter Freunden aus der Barceloneser Zeit “Pablo“ genannt. Ob ich Max Frisch kennenlernen wollte, fragte er mich. Die Frage war überflüssig, denn welcher Italienkorrespondent hätte es 1962 verpasst, den schon damals berühmten Max Frisch persönlich kennenzulernen!

In den frühen Sechzigerjahren lebte Max Frisch in Rom. Mit Ingeborg Bachmann, seiner damaligen Lebensgefährtin. In einer problemgeladenen Beziehung. Wir “plumpsten“ mitten in einen Partnerschaftskrach hinein. Mit einem “Rattenschwanz“ von Bewunderern fuhr Frisch allein ans Meer. Dort liess er sich von der Auseinandersetzung mit seiner Geliebten nichts anmerken. Einsam auf einem Liegestuhl schaute Frisch traumverloren aufs Meer hinaus. Plötzlich kam Pablo mit der Bemerkung zu mir, jetzt könnte ich “il maestro“ sehen und sogar mit ihm sprechen.

Mässiges Interesse an meiner Indienbegeisterung

Zwei Wochen zuvor war ich aus Indien nach Rom zurückgekehrt, befasste mich noch intensiv mit der Gestaltung des Buches “Indien heute“, offensichtlich noch heute aktuell, obwohl im Jahre 1964 im Orell Füssli Verlag herausgekommen. Grosser Fehler: Statt dem Meister über sein Werk oder “was er jetzt im Schilde führt,“ auszufragen, erzählte ich Frisch über meine frischen Eindrücke aus dem fernen Land, das Interview mit Pandit Nehru, geschlagene dreiviertel Stunden lang. Bald schwand sein Interesse an meinen Ausführungen. Zu Recht: War Max Frisch doch gewohnt, über eines seiner Werke ausgefragt zu werden, nicht irgendetwas noch so Interessantes über eine andere Welt als die seinige zu erfahren. Immerhin waren wir eine gute halbe Stunde zusammen, beide in Badehosen auf je einem Strandstuhl.

Unter solchen Vorzeichen hatte ich die kostbare Zeit des Meisters allzu lange in Anspruch genommen. Eigentlich war er ans Meer gekommen, um sich auszuspannen und die Bewunderung seiner Verehrer, darunter auch Uwe Johnson und viele andere mit später klingenden Namen zu geniessen. Wie ein Prinz oder Kardinal von den ihm näher stehenden Gesinnungsgenossen umgeben.
Alle andern ja, doch nicht dieser Sachbuchautor.

Am Abend hiess es, Max Frisch würde uns zum Abendessen einladen. Auch mich? Pablo erkundigte sich. Max Frisch verzichtete auf meine Anwesenheit. Ich war etwas enttäuscht, konnte Max Frisch aber gut begreifen. Als gewöhnlicher Sachbuchautor und Auslandkorrespondent gehörte ich nicht zum illustren Kreis.

Bekanntlich soll Friedrich Dürrenmatt - weltbekannt für seine böse Zunge - gesagt haben, er hoffe, Max Frisch würde den Nobelpreis für Literatur bekommen. Er habe den Eindruck, Frisch brauche ihn mehr als er selber!

Victor J. Willi, Rom Disentis

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