Erinnerungen
Eine Tagebuchnotiz 9.11.2001
Franco Baldini 1947: “Mi auguro di vederla papa“
(Ich hoffe, Sie einmal als Papst zu sehen)
Der wahrscheinlich erste, der mehr als dreissig Jahre vorher die Wahl Johannes
Pauls I. gewünscht (vorhergesehen?) hat
Als ich am Vormittag des 9. Novembers 2001 den verkehrsfreien Domplatz von
Belluno überquerte, sah ich unter all den Fussgängern mit und ohne Regenschirm
einen älteren Mann. Den könnte ich vielleicht fragen, ob er Albino Luciani
persönlich gekannt habe – damals, als dieser Mitbewohner noch nicht Patriarch
von Venedig, noch nicht einmal Bischof von Vittorio Veneto gewesen ist. Ich
wusste, dass der spätere Johannes Paul I. lange Jahre in Belluno verbracht
hatte: als Professor am Priesterseminar, dann stellvertretender Direktor,
schliesslich auch als Generalvikar. Der Mann mit dem verhaltenen, lächelnden
Gesicht bejahte die Frage. Tatsächlich habe er in jungen Jahren etwas sehr
Persönliches mit diesem Geistlichen erlebt.
Das Schwierige wurde sonnenklar
Ich stellte mich vor und erklärte das Anliegen, mehr über diesen Papst zu
erfahren, noch Unbekanntes aufzudecken. Viele Anekdoten, die mir der
Generalvikar Don Giuseppe Andrik erzählte, waren sattsam bekannt und
entsprechend abgedroschen. Der Angesprochene war einverstanden, mir in einer
Kaffeebar mitzuteilen, was er keinem Aussenstehenden bisher erzählt hatte. Als
Mittelschüler verstand er von den Theorien Kants, Hegels und Leibniz kaum etwas.
Nevea Cusinato, ein Vertreter der Azione Cattolica, empfahl ihm für eine
Erklärung Albino Luciani. Er suchte den Lehrer im Seminar auf. Der Professor
fand sofort die Zeit, ihm während dreier Nachmittage wenigstens zwei bis drei
Stunden lang zu zeigen, wie man diese Philosophen im christlichen Sinn verstehen
konnte, ihre Doktrinen nicht zu verwerfen brauchte, sie sich nutzbar machen
konnte.
Er bat den Jungen um Entschuldigung
Franco Baldini – mittlerweilen hatte ich seinen Namen auf einem Blatt Papier
notiert mit Anschrift und Telefonnummer, „wo Du mich jederzeit erreichen kannst“
– erinnerte sich an eine noch wichtigere und persönlichere Episode mit Albino
Luciani. Nur durch zwei Türen getrennt verbrachten sie zwei Jahre später
gleichzeitig einen Spitalaufenthalt im Sanatorio di Belluno. Der Professor
erkannte seinen Sonderschüler sofort. Sie spielten „a dama“, ein italienisches
Kartenspiel, das sie kaum je beenden konnten. Der Seminarlehrer erhielt allzu
viele Besuche. Von Familienangehörigen, Freunden und Studenten. Stets bat er den
Jungen um Entschuldigung, die Partie umständehalber unterbrechen zu müssen.
Jetzt erst rückte Franco mit dem Wichtigsten heraus, was der Begegnung förmlich
die Krone aufsetzte, mich hoffen, vielleicht sogar spüren liess, dieses spontane
Treffen auf dem Domplatz sei vielleicht kein blosser zufall gewesen. Albino
Luciani verliess die Klinik vor ihm. Franco Baldini erinnerte sich genau. Es war
im Jahre 1947, als er zum Abschied dem Geistlichen sagte „Mi auguro di vederla
Papa“ (Ich wünsche mir, Sie einmal als Papst zu sehen).
Ein tragendes Vorbild bis zum heutigen Tag
Vielleicht war Franco Baldini der erste Mensch, der dem 31 Jahre später
tatsächlich zum Papst Erkürten den Aufstieg zum Thron Petri vorhergesagt hatte.
Eine Vision, die der Angesprochene sofort mit einer abweisenden Geste und der
Bemerkung „Macchè cosa dice“ (doch was sagen Sie da!) in den Wind geschlagen
hat. Albino Lucianis umgehende Verfügbarkeit, sich mit einer unbekannten jungen
Person eingehend über das diesen Beschäftigende, auch Beunruhigende während
Stunden zu unterhalten, ihr von Mensch zu Mensch, nicht von oben herab das
schwer Verständliche verständlich gemacht zu haben, damit er es im christlichen
Sinn verwerten könne, hat nicht wenig dazu beigetragen, dass Franco heute noch
regelmässig den Gottesdienst besucht, sich als Christ begreift und möglichst
auch als Christ verhält. Für Menschen in der Entwicklung ihrer Weltanschauung
gibt es kaum etwas Wichtigeres als überzeugende wegweisende Vorbilder.
Franco Baldini hat Jurisprudenz studiert, doch ohne Protektion und finanziellen
Rückhalt reichte es nicht zur Eröffnung einer eigenen Anwaltspraxis. Er wurde
Angestellter bei der halbstaatlichen Krankenversicherung INAM, die seit 1986 USL
heisst und in sozusagen allen italienischen Gemeinden vertreten ist.
Albino Lucianis bescheidene, herzliche, gütige, verständnisvolle, nicht
verurteilende Ausstrahlung hat Franco Baldini ein Leben lang begleitet und
gelenkt. Bis zum heutigen Tag. Ohne Frustration eines missglückten Lebens.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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