Erzählen – erklären –
erkennen (in den Schulen und anderswo)
Der Aufbau jedes “ankommenden“ Unterrichts –
Besser das Lächeln als das Lachen heraufbeschwören – es ist derart kein
Zeitverlust!
Erzählen – erklären – erkennen (in den Schulen und anderswo)
Der Aufbau jedes “ankommenden“ Unterrichts –
Besser das Lächeln als das Lachen heraufbeschwören –
es ist derart kein Zeitverlust!
Im September 1952 an der University of Texas: ich war ordentlich erstaunt, als
der Professor seine Lektion mit folgender Frage begann: “Do you know the
definition of a poor Texan?“ (Kennen Sie die Definition eines armen Texaners?)
Keine Antwort vonseiten der students. Später erfuhr ich, dass der Witz schon
längst im Umlauf war, doch vor 1968 wagte auch in den USA, selbst im
(ehemaligen) Wilden Westen niemand, dies den Lehrstuhlinhaber mit einer schnöden
Bemerkung zum Ergötzen der Kameraden „Wonderfull, you know the joke of yesterday
as well“ (Sie kennen den Witz von gestern ebenfalls) wissen zu lassen.
Unter diesen Voraussetzungen konnte der Herr Professor den alten Witz noch
jahrelang erzählen: “The poor Texan ist he one who washes his Cadillac himself“
(Der arme Texaner ist jener, der seinen Cadillac selber wäscht). Professor
Webster erntete Beifall – sicherlich von meiner Seite, auch zum Zeichen, dass
ich die Eröffnung seiner Vorlesung über Family sociology begriffen hatte.
Ohne Brücke fällt man ins Wasser
Hätte der Hochschullehrer diesen Beginn seiner Vorlesung wenigstens für den zu
behandelnden Lehrstoff verwendet – das heisst eine Brücke geschlagen – es wäre
kein Fehlschlag gewesen, denn sozusagen alles lässt sich mit der Familie
verbinden. Dies geschah in Austin aber nicht und wurde in der Kapitale des
grössten Bundesstaates auch gar nicht erwartet – damals! Derart hing der Witz
gleichsam in der Luft, eigentlich doppelt, weil er nicht nur keinen Bezug zum
Lehrstoff schuf, sondern den meisten Studenten bereits bekannt war. Nun gilt es
allerdings zu bedenken, dass viele Hörer froh sind, nicht gleich zu Beginn eines
Vortrages durch eine schwierige Theorie den Boden unter den Füssen zu verlieren.
Manche in andern Sälen wollen nur das bestätigt sehen und hören, was sie schon
wissen! Professor Webster war jedenfalls sehr an einer von Anfang an guten
Stimmung im Hörsaal gelegen, um die Sympathie der Studenten und vor allem der
Studentinnen zu gewinnen – Professor Webster stand im Ruf eines erfolgreichen
Schürzenjägers!
Nebenbei bemerkt: Der Vorsteher der kantonalen Erziehungsdirektoren kannte auch
seine Pappenheimerinnen. Jahrzehnte später bot sich eine besonders Verwegene
geradezu an. „Merveilleuse mademoiselle, mais après l’examen, s’il vou plaît“.
Sie hatte sich selbst nach dem Examen nicht gemeldet, sich auf andere Weise
besser auf die Prüfung vorbereitet. Vorerst eine Geschichte erzählen, die den
Einstieg für das zu behandelnde Themabietet, ist allemal empfehlenswert. Dann
gilt es zu erklären, warum die Erzählung nicht einfach nur berechtigt war,
sondern sich sogar aufdrängte. Das kann im aristotelischen Schluss? am besten
bewältigt werden!
Telepathie zwischen Tier und Mensch
Nachdem ich die traurige Geschichte meines Hundes namens Temok beendet hatte,
fragte ich die Schüler, weshalb es trotz allem eine – wie versprochen – schöne
Geschichte gewesen sei. Zunächst Stillschweigen. Dann pflegt stets früher oder
später eine Schülerin, ein Schüler darauf aufmerksam zu machen, dass überall
dort, wo ich Temoks Geschichte erzählt habe und immer weiter erzähle, der Hund
immer weiter lebe, wenn auch nur in unserem Gedächtnis – im Gegensatz zu all den
Tieren, die sang- und klanglos irgendwo verenden. Oder: „Sie, Herr Willi konnten
nicht sein Leben, er vielleicht aber das Ihrige retten.“ Tatsächlich: als ich
mit hohem Fieber in der kalten Römer Wohnung auf dem Bett lag – Temok stets zu
meinen Füssen, die beste Bettflasche der Welt –, da stülpte er seine Schnauze
über meine Hand, ganz sachte, es tat überhaupt nicht weh, wie um zu sagen „Nicht
sterben, bleib bei mir“, da hat mich diese Liebkosung meines Hundes derart
gerührt, dass ich noch mit ein paar Pillen bald gesund und munter war.
Monate später, als wir in der Campagna Romana lebten, fand Temok das Paradies
auf Erden. Er brauchte für seine “Ausgänge“ nicht mehr einen “Padrone“.
Besonders gefiel ihm der Dschungel nicht weit von unserem Garten. Die Via
Flaminia mit ihrem regen Verkehr war sehr weit entfernt. Manchmal fand Temok den
Heimweg erst am nächsten Morgen. Für das noch bessere Fressen. Cécile und ich
waren in Rom eingeladen. Erst nach Mitternacht kehrten wir zurück. Nicht weiter
schlimm, dachte ich, bis ich im Schlaf von Temok träumte. Er lag im Graben längs
der Via Flaminia, unweit von der Einfahrt von unserem Strässchen entfernt.
Sofort stand ich auf, rief nicht nach ihm, fuhr ohne nach links oder rechts zu
schauen zur Stelle, wo er mir im Traum erschienen war. Dort lag er. Tot. Hat der
Hund, angefahren von einem Auto, mich sterbend um Hilfe gebeten? Ich war ja für
ihn das nächste Wesen, das er kannte und liebte. Gedankenübertragung von einem
Tier zu einem Menschen?
Mein Cousin, Ordinariums für Psychiatrie an der Uni Zürich, war sprachlos.
Verschaffte Temok der Wissenschaft ein ihr bisher unbekanntes Beispiel der nicht
einfach nur möglichen, sondern tatsächlich stattgefundenen
Tier-Mensch-Telepathie? Auch in dieser Hinsicht kann die Geschichte von Temok
nachhaltig für schön befunden werden. Er rettete vielleicht mein Leben, ich
konnte Geschichten erzählen geht immer – wirklich? Vor einigen Wochen besuchte
ich eine Primarschule von Egg im Kanton Zürich. Zwischen dem Greifen- und dem
Zürichsee. Der Schulleiter für mehrere Schulhäuser war nicht zugegen. Es
herrschte gerade Pause. Dutzende Kinder in den Gängen. Auf dem Weg zu einem
andern Klassenzimmer. Lautes Hin und Her. Eine erfahrene Lehrerin wollte wissen,
weshalb ich hier zugegen war. „Geschichten erzählen“, antwortete ich.
„Geschichten erzählen passt immer“, rief sie mir im Gedränge der kurzen Pause
über mehrere Kinderköpfchen hinweg zu.
Der Schulleiter kehrte zurück, erfuhr mein Anliegen, unterstützt von der
liebenswürdigen Lehrerin. Sofort war er mit ihr und mir einverstanden. Gleich
anschliessend fand die Erzählstunde mit Geschichten aus allen Erdteilen statt.
Sie gelang bis zur letzten Geschichte. Sie hatte die Schüler auf ihrer Stufe
überfordert. In den Städten und auf einer etwas höheren Stufe erweckten sie
wenigstens das Schmunzeln der Lehrer- und Schülerschaft.
Darum gilt es zu präzisieren:
Ja, Geschichten erzählen geht immer
für das richtige Publikum, auf die richtige Weise, im richtigen Zimmer
zur richtigen Zeit
bei der richtigen Gelegenheit.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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