Ein ganzes Jahr lang BIEN
ONN
Die Frage, wie lange man den Mitmenschen ein gutes Neues Jahr wünschen darf,
erübrigt sich wenigstens im Bündner Oberland. Da besteht der uralte Brauch, ist
es wenigstens gestattet, dem Nächsten wie dem Fernsten, das heisst allen
Erdenbürgern, denen man begegnet, jahraus jahrein mit einem “bien di bien onn“
ein gutes Neues oder bereits altes Jahr zu wünschen. Auf diese Weise ist niemand
zu spät mit seinem Neujahrsgruss: bis zum 15. Dezember kann das immer noch
bestehende vergehende Jahr gemeint sein. Ab Mitte Dezember ist das “bien Nadal“
(Schöne Weihnachten) der passendere Gruss. So oder so kann aber auch das bien
onn Gegenstand einer liebenswürdigen Begegnung, vielleicht sogar der Auftakt zur
Erneuerung einer Bekanntschaft oder Freundschaft sein.
Das Dilemma der Anderssprachigen: darf man nach dem 15. Januar dem Gegenüber
noch ein gutes Jahr wünschen, ist der Glückwunsch bereits nach dem
Dreikönigsfest endgültig verpasst, stellt sich derart wenigstens im Bündner
Oberland nicht. Das bien di bien onn ist immer gültig, gehört gleichsam zum
ewigen Kalender der vierten schweizerischen Landessprache.
Wie halten es denn die Ladiner und Friulaner?
Ich werde meinen Ladiner Freund im Grödental fragen, wie sie es am Fuss der
Dolomiten handhaben. Gilt der schöne Brauch der Schweizer Rätoromanen auch
jenseits der Grenze, dort, wo noch vor 500 Jahren ein geschlossenes
umfangreiches Siedlungsgebiet vom Bodensee bis zur Adria bestand? Mit der
Völkerwanderung haben die Bajuwaren und Walser die vorher ausschliesslich
rätoromanisch sprechenden Talbewohner teilweise voneinander getrennt. So wissen
nicht mehr viele Deutschschweizer etwas vom ausschliesslich romanisch
sprechenden Gebiet – grösser als die ganze Schweiz!
Die kleine neben der grossen Schweiz
Viele Miteidgenossen haben grosse Mühe, Graubünden als jenen Teil der Schweiz
anzuerkennen, der mit einem eigenen Herrschaftsgebiet im Veltlin eine Art
Schweiz im Kleinformat darstellte. Die sogenannte “Aufnahme in den Bund“ im
Jahre 1803 erfolgte derart unter völlig andersartigen Voraussetzungen als die
Bildung der Kantone Thurgau, Aargau und Tessin. Es war niemand geringerer als
Napoleon Bonaparte, jener Korse, der von seiner unterdrückten Heimat her grosses
Verständnis für das östliche Nachbarland mit dessen vier verschiedenartigen
Ethnien besass. So ist es auch verständlich, warum das Jahr 1799 in der
Eidgenossenschaft verschiedenartig, ja entgegengesetzt begangen wurde: für die
von Napoleon befreiten sogenannten Gemeinen Herrschaften und viele zugewanderte
Orte war der Konsul und schliesslich Kaiser der Franzosen der Befreier. Die
sogenannten alten Orte à la Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern, Zürich, Zug und
Bern sahen in ihm den Unterdrücker…
So oder so wünsche ich den Alten und den Neuen Eidgenossen ein gutes und
gesegnetes Neues Jahr… verspätet oder doch noch rechtzeitig nach den
Gepflogenheiten meiner väterlichen Urahnen in Ems und Disentis.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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