Das Eine tun und das Andere
– die Stenographie – nicht lassen!
Wird mir die Frage gestellt, was denn das Wichtigste gewesen ist, das ich im
Gymnasium gelernt habe, so sage ich – ohne langes Besinnen – „die Fremdsprachen
und die Stenographie.“ Viele junge Menschen wissen gar nicht mehr, was diese
Kurzschrift ist: dass man so schnell schreiben kann, wie der andere redet,
beispielsweise in einer Vorlesung oder bei einem Referat.
Über den Tod vor 42 Jahren hinweg bin ich meinem Vater zu Dank verpflichtet,
dass er mich angehalten hat, die Stenographie zu erlernen. Damals war es im
Gymnasium ein blosses Freifach. Lediglich in den Handelsschulen wurde
Stenographie als Pflichtfach gelehrt und gelernt. Freilich haben sich viele
diese Kurzschrift nach Stolze-Schrey im Selbststudium angeeignet. Dafür gab es
besondere Lehrmittel. Es gibt sie heute noch.
Karl Matzinger – der Schweizer Gutenberg der Stenographie
Mir war das Glück beschieden, Herr (Schul-)Professor Matzinger als Lehrer in
diesem Fach zu haben; denn er war die anerkannte Koryphäe auf diesem Gebiet. Mit
Seinesgleichen erfand er sogar noch eine andere schnellere noch mehr verkürzte
Stenographie. Da gab es in den 40er- und 50er-Jahren Wettkämpfe im
Kaufmännischen Verein Zürich. Der Lehrer war stolz auf uns und wir auf ihn, wenn
Schüler zu den besten Schnell-Korrektschreibern gehörten. Dass diese dann im
Zeugnis eine blanke 6 ergatterten, war nur recht und billig.
Ein Geschenk vom Himmel auf dem Weg zur RAI
In meinem Beruf als Italienkorrespondent waren die
Stenographiekenntnisse von geradezu ausschlaggebender Bedeutung. Denn ich konnte
bei Interviews auf den Knien so schnell schreiben, wie der Gesprächspartner über
den Tisch hinweg sprach. Unbemerkt wohlverstanden, was seiner Gesprächigkeit zu
Gute kam. Nie hat sich jemand beschwert, dass ich seine oder ihre Aussage
irgendwie verfälscht hätte. Es kam also nie zu Dementis nach solchen Gesprächen.
Zuvor, an der Universität, waren meine Kolleghefte voller stenographischer
Notizen, wobei freilich die Namen und wichtigen Begriffe ausgeschrieben waren.
In der sogenannten Korrentschrift, wodurch sie im gesamten Schriftbild mehr zum
Vorschein kamen.
In den letzten 50er- und 60er-Jahren verfasste ich besonders aktuelle Berichte
auf dem Weg zur RAI-Radiostation. Im Auto. Vor jeder der acht Ampeln zwischen
der Via Salaria und der Via Asiago einen neuen Satz. Den Radioapparat gleichsam
„dazwischengeschaltet.“ So konnte ich zum Erstaunen der Heimredaktionen das
Neuste der neuen Nachrichten hören und zugleich schriftlich festhalten und dann
an Ort und Stelle als wirkliche News dem Studio Zürich, später dem Studio Bern
des Schweizerischen Landessenders Beromünster/DRS noch mit einem Kommentar
übermitteln. Bei Top-News à la Entführung von Aldo Moro und dessen „Hinrichtung“
durch die Roten Brigaden 54 Tage später oder nach dem Attentat auf Johannes Paul
II. drei Jahre nachher kamen mir die Stenographiekenntnisse besonders zustatten.
Auch bei der Verfassung der 14 bisher unter meinem Namen veröffentlichen Büchern
waren die Stenographiekenntnisse ausserordentlich hilfreich. Irgendwo aufgeschnappte Zitate oder
Bemerkungen schrieb ich stenographisch auf ein Stück Papier. Sie waren
Gedächtnisstützen und Elefantenbrücken, die ich auf keine andere Art mir hätte
merken können. Immer ganz genau, wie es sich gehörte. Ohne Kenntnis der
Stenographie hätte ich manches aus dem Gedächtnis heraus schreiben müssen oder
auf andere Art unvollständig festgehalten.
Nach wie vor schreibe ich – auch diesen Artikel – in Kurzschrift. Da kann ich so
schnell schreiben, wie ich denke, verliere weit weniger den Faden,
mir
besonders im hohen Alter zum besonderen Vorteil gereicht… gereichen muss!
… und das Andere nicht lassen
Heute gilt es in manchen Belangen die Vorteile der neuen Technologien zu nutzen,
ohne die besonderen Vorzüge früherer Errungenschaften zu vernachlässigen. Allzu
lange meinte man, das Neue sei in allen Belangen auch immer das Bessere, vergass
dabei nur allzu leicht, dass das scheinbar Rückständige besondere Leistungen zu
vollbringen vermag, die aus irgendeinem Grund der neuen Einrichtung versagt
bleiben. Stenographie ist nach wie vor ein nützlicher Bestandteil einer
schnellen (unbemerkten!) Berichterstattung. Mit dem einzigen „Werkzeug“ eines
Kugelschreibers. Jederzeit greifbar und im Nu überall einsetzbar. Die
Kurzschrift stellt in ihrem Bereich jeden Laptop und alle Computer in den
Schatten. Die STENO besitzt ihre eigene Berechtigung und sollte erneut
wenigstens als Freifach in sämtlichen Handelsschulen und Wirtschaftsgymnasien,
möglichst auch in Sekundarschulen und Gymnasien in die Lehrpläne aufgenommen
werden.
Viele ältere Leute längst im Ruhestand verfügen noch über ausreichend gute
Kenntnisse dieses Faches und könnten als Lehrkräfte zum Zeitvertreib oder als
höchst willkommener Zustupf für eine vielleicht sehr prekäre Altersversorgung
dienen. Die Handelsschulen und Gymnasien, die dieser vermeintlich überholten
Errungenschaft des 20. Jahrhunderts im dritten Jahrtausend nach Christus neues
Leben einhauchen, könnten vielleicht sogar auf dem nationalen Parkett der Medien
Schlagzeilen werfen.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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