Bis ich fündig wurde, hat’s
gedauert – eine verlorene Zeit?
Auf der Suche nach dem von Hermann Herden gewünschten Text „Im Blick auf
Céciles Asche“ – schon einmal hat mich der Studienfreund darum gebeten – fand
ich viele andere Texte, wie auf Diktat hingeschrieben, wie der vom Tag der
Kremation…oder in Aufsätzen gesammelte Notizen für mich bestimmt nach dem alten
Satz„Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über“ der Mund oder die Hand mit
dem Kugelschreiber als Notwehr gegen Trübsal oder zur Erinnerung auch an schöne
gemeinsam verbrachte Stunden.
Wie jener Text vom logischen Unsinn von je vier besten Konfitüren, das Schönste,
was ich über ihre Kochkünste bereits zu Lebzeiten sagen konnte und nach ihrem
Tod zu schreiben vermag. Ja, die 36 Jahre, zehn Monate und sieben Tage waren
eine schöne, gelegentlich auch bittere Zeit.
Ich frage mich jetzt, da ich
nach 55 Jahren meine erste grosse Liebe wieder gesehen und dann auch sofort ihre
grosse Liebe spüren durfte, ob Cécile und ich uns gegenseitig nicht ganz
glücklich machen konnten, weil vor ihr und vor mir, für sie und für mich eine
andere erste grosse Liebe stattgefunden hatte.
Böbi liess sie im Stich, stand nicht zu seiner Vaterschaft, mich hat Cécile
vielleicht nicht zuletzt als Vater ausersehen, weil ich als Erzieher ihres
Sohnes besser schien als all die von der Stadt Zürich bestellten Pflegeväter,
vielleicht auch nur besser, weil Stefan nun nur noch einen Vater hatte und sie
mit ihm zusammenleben konnte.
Vermochten sich unsere Ehen nicht ganz zu erfüllen, weil sie und ich, Cécile und
ich vor dem offiziellen Ehepartner eine andersartige, die erste tiefe Liebe für
einen andern Menschen empfanden und uns in diesem Sinn gegenseitig betrogen
haben.
Ohne es zu wissen, oder hat es wenigstens Cécile verspürt? - als Frau und weil
sie Cécile war? - oder es das Schicksal so für uns bestimmte?
Vieles war gut an unserem langen Zusammenleben, wer weiss: das Beste sogar, was
die Erde uns zu bieten vermochte, jeder mit seinem Egoismus und der Kraft, sich
vom andern nicht unterjochen zu lassen, bis es für sie zu viel wurde, sich mich
verlassen musste, verlassen wollte, um nicht länger leiden zu müssen.
Wer kann das wissen? Ich wurde jedenfalls von Mémé doch noch erhört, ein halbes
Jahr nach dem Tod von Raimundo, ihrem Mann, fast 21/2 Jahre nachdem Cécile mich
für immer verlassen hatte. Wir können seither sieben Jahre die doch noch
zustande gekommene erste und letzte Liebe auf beiden Seiten wenigstens in
Raten, jeweils 14 Tage bis zwei Monate zusammen geniessen. Spätes Glück im Blick
auf 55 verpasste Jahre, und doch frage ich mich, ob wir nicht seit 1948 so
verschieden gelebt haben, „auseinander gelebt“ würden die Psychiater vielleicht
sagen, sie im Rahmen der grossen Möglichkeiten ihres Mannes wenn es immer
irgendwie möglich war für das Vergnügen lebte, für Golf, jetzt noch Bridge,
dazwischen Skilaufen mit eigenem Lehrer.
Für die Kinder hat sie sicher auch gelebt, doch stets mit einer Gouvernante,
jetzt noch, dank ihres Schwiegersohnes Juan mit eigenem Gärtner und Chauffeur
und zwei in der Küche zur Seite. „Grâce à dieu hat sie mir gesagt und geweint
als ich ihr erwiderte „grâce au diable“ – hast du nie die Freude an geleisteter
anerkannter Arbeit verspürt?“ Sie verneinte es, tut trotzdem so viel für mich,
auch Küchendienst, wenn sie in Riano ist, nimmt vieles von mir, das Andersartige
in Kauf aus reiner Liebe. Kann ich das genügend würdigen?
So mag es auch für Mémé, sie vor allem, Stunden geben, wo sie den verstorbenen
Ehepartner schwer vermisst, vermissen muss, weil ich ihr nur wenig bieten kann,
wenig ausser der grossen Liebe und Dankbarkeit für ihre Existenz und
gelegentliche Präsenz, ihr Anderssein – für mich eine Fundgrube für das
Verständnis eines andersartiges Daseins, als mir das Leben aufgezwungen hat –
oder weil es das stete Glück auf Erden gar nicht geben kann, gar nicht geben
darf, weil jeder ist, wie er ist, keiner aus seiner Haut zu schlüpfen vermag?
„Je t’ai dans la peau“, sage ich Mémé dann und wann nach französischer Art, um
zu sagen, wie ich sie nicht nur seelisch, sondern auch körperlich liebe, lieben
durfte und sie mich ihre Liebe spüren liess, sie mir auch beteuerte und ich
dankbar sein muss, wenn sie es mir mit den gleichen Worten erwiderte und wir
einfach glücklich waren, dankbar für die vielen schönen neben den andern
gemeinsam verbrachten Stunden seit dem, unserem 23. Juni 2003 zwei Tage vor
meinem 76. und 154 Tage nach ihrem eigenen 74. Geburtstag.
Das andere wichtige entgegengesetzte Datum kennen wir nicht, Mémé will gar nicht
daran denken, und ich tue es nicht vor allem in Gedanken an sie.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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