Bescheiden warten statt
stolz erwarten
Zur Reaktion auf die Promotion von Kurt Koch zum neuen Leiter der
Kongregation für die Einheit der Christen
Mir schwindelt beim Gedanken, was vom neuen Leiter der Kongregation für die
Einheit der Christen alles erwartet wird. Die Wunschliste für Erzbischof Koch
ist lang und komplex und offenbart in vielen Fällen lediglich die eigenen
Vorlieben und Abneigungen mit den entsprechenden Auflagen der Bittsteller. Nicht
wenige haben in einem mehr oder minder demokratischen Verfahren ihre Position
von den eigenen Anhängern bezogen oder sogar diese selbst in eine bestimmte
Richtung der Glaubenslehre und –ausübung getrieben. So sagt die Wunschliste
häufig mehr aus über die Sorgen der Bittsteller als das, was für Kurt Koch im
Vordergrund stehen muss: die Einigkeit und Versöhnung nicht nur der einzelnen
Konfessionen, sondern aller Religionen und aller Menschen. Das kann nach der
tiefgründig humorvollen Empfehlung von Albino Luciani/Johannes Paul I. lediglich
“durch die Konzentration auf Bescheidenheit und Liebe in gelassener Heiterkeit“
geschehen, denn wenn versucht wird, all die Tugenden, Ideale, Zielsetzungen,
Ideologien der verschiedenen Bekenntnissen und Weltanschauungen gleichzeitig zu
erfüllen, ergibt sich lediglich „ein höllisches Durcheinander“. In ökologischen,
atomaren, terroristischen, völkerrechtlichen und finanziell-ökonomischen
Belangen befindet sich die Menschheit heute in einem solchen chaotischen
Durcheinander.
Es empfiehlt sich also, mehr in sich zu gehen als ausser sich vor Enttäuschung,
Ärger, unerfüllten Erwartungen, aber auch unerfüllbaren Hoffnungen zu geraten.
Vor allem sollte niemand aus seinem Umfeld heraus verbindliche Schlüsse für die
gesamte Kirche und alle Menschen ziehen. Stehen Austritte aus der Kirche
nördlich der Alpen an der Tagesordnung, so trifft das bereits in den
lateinischen Ländern kaum und auf andern Kontinenten, vor allem in Afrika,
Südamerika und selbst in den USA überhaupt nicht zu. Das Durcheinander der
buchstäblich hunderten von verschiedenen Bekenntnissen mit je eigenen
Kirchgemeinschaften hat auch in Australien ein Ausmass erreicht, dass die
Sehnsucht nach Einheit und Einigkeit mit einer überzeugenden, sich selbst nicht
wichtig nehmenden, möglichst auch tiefgründig-humorvollen Leitung immer stärker
wird.
Wie kommt es, dass eine konfessionell ungebundene Zeitschrift wie DIE WELTWOCHE
sich fragt, was die katholische Kirche besser macht als die andern Konfessionen
und Religionen?
Werden die Tatsachen und die Bescheidenheit in den Vordergrund gestellt, werden
Erzbischof Kurt Koch viel Mühe und Leid erspart. Dann kann er sich konstruktiv
der nicht von ungefähr ihm auferlegten Mission zuwenden. Mit dem bescheidenen
Warten statt hochmütigen Erwarten erhält gleichsam von unten her die Hoffnung
den unerlässlichen Spielraum.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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