Zyklus: Schöne erlebte Geschichten aus 5 Kontinenten

Die Sicherheit des italienischen Verkehrs beruht auf seiner Unsicherheit

Die vorderhand noch unabdingbare Pflicht, es unter keinen Umständen zu einem Unfall kommen zu lassen


Auf Besuch in Rom wunderte sich ein Schweizer Staatsanwalt – kaum dem Zug entstiegen – über den relativ sicheren Verkehr inmitten der italienischen Kapitale. Nach seinen Vorstellungen hätte es überall zu Zusammenstössen kommen sollen. Denn kein Verkehrsteilnehmer hielt sich an die Vorschriften. Auch Fussgänger schauten, dass sie irgendwie heil das andere Ufer einer breiten Strasse erreichten. Rotlicht hin oder her. Was auch die Italiener in den Fahrstunden gelernt haben mochten – dass beispielsweise dem von rechts kommenden Automobilisten Innerorts der Vortritt vorbehalten ist – zählt so wenig, dass nach ein paar Jahren sich kaum einer oder eine sich daran erinnert, was nördlich der Alpen für selbstverständlich und selbstverständlich richtig gehalten wird.

Es herrscht das Recht des Stärkeren: Wer auf der breiten Strasse mit viel Verkehr fährt, nötigt jene aus der schmalen Strasse zum Stillstand und Warten auf bessere Zeiten. Dieses Fehlverhalten der Eigenmächtigen auf der breiten Strasse und den Schicksalsergebenen auf der Seitenstrasse birgt den grossen Vorteil des flüssigen Verkehrs, wofür auch die Polizei grosses Interesse verspürt und es für wichtiger hält als die Beachtung der Strassenverkehrsordnung.

Der Freund aus Zürich konnte nur staunen und fand meine Erklärung: die Sicherheit des italienischen Verkehrs beruhe auf seiner Unsicherheit, bedenkenswert: Jeder Verkehrsteilnehmer – gleichgültig ob zu Fuss oder auf dem Gaspedal – anerkennt nur eines: die unabdingbare Pflicht, es im eigenen Interesse unter keinen Umständen zu einem Unfall kommen zu lassen. Offensichtlich wird man in Italien wenigstens auf den Strassen auf andere Art selig als nördlich der Alpen. Da werden Fussgängerstreifen für wichtiger gehalten als die früher anerkannten Heiligtümer in den Kirchen. Wer sich erkühnt, einem Fussgänger nicht dessen Vortritt zu lassen, kann seine blauen Wunder erleben. Wie viele Fussgänger in der Schweiz und andern Ländern nur deshalb ums Leben kamen, weil sie ihr Vortrittsrecht nicht deutlich zum Ausdruck gebracht haben, weiss ich nicht. Ich weiss hingegen, dass hunderte Menschen Jahr für Jahr sterben, weil sie von einem korrekt fahrenden Grünlichtautomobilisten ins Jenseits befördert wurden. So etwas kann südlich von Bologna kaum passieren. Da weiss jeder Grünlichtfahrer, dass er von rechts oder links kommende Fussgänger oder Automobilist das Rotlicht vielleicht gar nicht gesehen hat oder es nicht sehen wollte oder einfach so betrunken war, dass er überhaupt nichts mehr wahrnehmen konnte.
Auf Letzteres beruft sich übrigens kaum ein Mittel- oder Süditaliener. In Rom habe ich solche Bierleichen nur in der Nähe des Vatikans gesehen. Es waren Schweizer Gardisten im freien Ausgang auf dem Weg ins Hauptquartier.


Auch die Italiener werden Amerikaner – fragwürdiger Fortschritt

Freilich ist heute der italienische Verkehr weniger chaotisch als noch vor vierzig Jahren. Da durfte ich einmal etwas wenigstens für mich sehr Schönes erleben. Bei einer Tiberbrücke behauptete der Polizeigehilfe, ich sei bei Rotlicht über die Kreuzung gefahren. Es sei noch gelb gewesen, entgegnete ich. So stand Aussage gegen Aussage, und weil keiner nachgab, mischte sich sein Vorgesetzter in unsere ergebnislose Auseinandersetzung. Mit dem Blick auf meinen Schweizer Führerschein erklärte der Vorgesetzte geradezu feierlich: Vor zehn Tagen war ich noch in der Schweiz. Zwei Wochen lang. Ich habe nicht ein einziges Mal gesehen, dass ein Schweizer Auto- oder Motorradfahrer das Rotlicht nicht beachtet hat. Es ist unmöglich, dass ein Schweizer so etwas tut“. Der Polizeioffizier entschuldigte sich für das Fehlverhalten seines Untergebenen, salutierte schneidig und nötigte alle sich nähernden Automobilisten zum Stillstand, damit der Schweizer Gentleman ohne weitere unnötige Verzögerung seine Fahrt nach Hause fortsetzen konnte.

Victor J. Willi, Rom Disentis

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