Schöne erlebte Geschichten
aus der Schweiz
Der allerletzte Abschied von Abt Victor
Nach dem Besuch in Erstfeld
setzte ich mich mit Abt Victor vom Kloster Disentis in Verbindung. Ich würde am
nächsten Tag bereits um zehn Uhr morgens in Ftan ob Schuls-Tarasp erwartet. Ein
weiter Weg vom Urnerland über den Oberalp- und Julierpass bis ins Unterengadin.
Disentis liegt irgendwo dazwischen. „Darf ich bei Ihnen übernachten?“ Abt Victor
war einverstanden. „Doch lediglich unter der Bedingung, dass Sie am Abend für
die Patres ein Referat halten über die Schweizer Garde oder sonst ein
vatikanisches Thema.“ Das bald einmal 500-jährige Bestehen der Schweizer Garde
war damals Gesprächsstoff nicht nur in der katholischen Schweiz.
Am Morgen kurz von fünf Uhr in der Früh verabschiedete mich Abt Victor an der
Pforte. Nach fünfstündiger Fahrt erreichte ich das Mädchengymnasium in Ftan. Gut
ausgeruht dank dem Aufenthalt in Disentis, dem Beifall der Patres und Brüder und
dem erholsamen Schlaf in einer Klosterzelle.
Das überzeugend übergangene Karussell
Näher lernte ich Abt Victor erst einige Jahre später kennen. Nach dem munteren
Gespräch im Kloster begleitete er mich von der Pforte bis zum Disentiserhof. Ein
weiter Weg, gut fünfhundert Meter lang. Mit dem grossen goldenen Kreuz über der
Kutte dachten sich alle Strassengänger, wem tut der Abt diese grosse Ehre an.
Einmal angekommen konnte ich es nicht dabei bewenden lassen. Ich begleitete ihn
meinerseits zu seinem Zuhause. Bei der Pforte angekommen, schlug Abt Victor vor,
um nicht ewig hin und her zu gehen, würde er mich bis zur Treppe beim Aufstieg
zur Klosterkirche begleiten. Was dann auch geschah. Unvergesslich diese zugleich
liebenswürdige, gerechte, überzeugende “Umgehung“ des Karussells.
Es klang wie ein “… in Ewigkeit Amen“
Als ich mich fünfzehn Jahre später bei seinem Nachfolger nach dem Befinden von
Abt Victor erkundigte, erklärte er, dieser liege im Sterben, es hätte keinen
Sinn mehr, ihn zu besuchen. Es könnte jeden Augenblick geschehen. Ich wünschte,
unter diesen Umständen ihn möglichst bald besuchen zu dürfen. Abt Pancraz
willigte ein und begleitete mich von der Pforte weg drei Stockwerke höher. Mit
einem “Gelobt sei Jesus Christus“ begrüsste er seinen Vorgänger. Abt Victor
lispelte etwas, das so klang wie “in Ewigkeit Amen.“
Sein letztes Geschenk für die Überlebenden.
Ich erzählte dem Sterbenden seine unvergessliche Geste, mich nach dem Gespräch
im Kloster vor Jahren zum Disentiserhof begleitet zu haben und ich es dabei
nicht bewenden liess, so dass er vorschlug, um es nach der “Rückbegleitung“
nicht zum ewigen Hin und Her kommen zu lassen, wäre es das Beste, er würde mich
wenigstens bis zur Treppe vor dem Eingang der Klosterkirche begleiten. Eine
wahrlich gerechte und realistische Lösung anstelle des ewigen Karussells… Als
ich dies dem Sterbenden erzählte, sah ich plötzlich Tränen in seinen Augen.
Offensichtlich hatte er mich verstanden. Ich war ergriffen. Abt Pancraz war es
auch. Er bestätige meine Vermutung, dass sein Vorgänger noch alles gehört und
verstanden hatte. Auch für ihn war es ein untrügliches Zeichen, dass ich seinem
Vorgänger etwas Schönes mit auf den Weg zur Ewigkeit zu schenken vermochte.
Wie gerecht das Leben sein kann! In der in hohem Masse ungerechten,
unbarmherzigen, bis hin zur Grausamkeit und Trostlosigkeit verkommenen Welt mit
all den Hungernden vielleicht bald auch in unserer Mitte, gibt es das Gute und
trotz allem Hoffnungsvolle.
Bange Frage: Wäre es zur letzten Begegnung mit meinem Freund Max Rapold an
dessen Sterbebett gekommen, wenn ich nicht – Jahre zuvor – das im Kloster
Disentis erlebt hätte, was offenbar wie ein Fingerzeig für meine Fahrt von
Zürich nach Schaffhausen gewirkt hatte? Heilsam für den Besuchten und heilsam
für mich.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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