Es geschehen noch Zeichen und Wunder!
Ein Manuskript – 50 Jahre verschollen – hat gute Aussicht auf dem Weg zur grossen Literatur


Da las ich in einer Regionalzeitung einen Leserbrief. Bereits wegen des perfekten Stils ist er mir aufgefallen. Da mich auch der Inhalt ausserordentlich ansprach, suchte ich den Autor im Telefonbuch und fand ihn im Kanton Thurgau, genau in Weinfelden. Irgendwie kam ihm mein Name nicht ganz unbekannt vor. Hatte er ihn im ECHO DER ZEIT gehört oder in der Thurgauer Zeitung gelesen?

Wer hat, dem wird gegeben!
Zu meinem Erstaunen teilte er mir mit, ein Leben lang immer wieder geschrieben zu haben, jetzt nur noch Leserbriefe, doch vor 50 Jahren, als 22 Jähriger einen ganzen Roman verfasst – allerdings wie das früher üblich war – nur auf der Schreibmaschine. Ohne Erfolg. Wer erfuhr, dass er “nur“ als Schlosser tätig war, hat ihm das Manuskript häufig ohne Begleitbrief zurückerstattet. Es kam aber auch vor, dass es irgendwo spurlos liegen geblieben ist. Der ehrlichste der Verleger schrieb, dermassen mit Texten überhäuft zu werden, dass er beim besten Willen keine Zeit fände, sein umfangreiches Manuskript zu lesen. Wie um zu sagen: Wer einen Namen hat, dem wird gegeben, die andern bleiben auf der Strecke. Geschäft ist Geschäft. Auch der Buchhandel mitsamt den Verlegern und Autoren haben ohne bereits errungenen Bekanntschaftsgrad keine Chance. Ein Wunder könnte es ändern, doch wer glaubt heute noch an Wunder?
Im Selbstgespräch sagte ich mir: „Victor, als Italienkorrespondent von Radio DRS und vieler auch ausländischer Zeitungen ist es mir gelungen, 14 Bücher zu veröffentlichen, doch hätten sich die Verleger untereinander abgesprochen, wäre es vielleicht bei 4 oder 5 solchen teilweise umfangreichen Büchern mit allerdings bis mehr als 30‘000 verkauften Exemplaren geblieben.“
Was steckt noch in der Mottenkiste?

Beiläufig erzählte mir der Mann mit dem ungünstigen Vornamen Adolf und dem nicht sehr vorteilhaften Nachnamen Preiss – was auf Preussen und Potsdam und vielleicht noch Schlimmeres schliessen lässt -, er hätte vor fünfzig Jahren einen Roman verfasst. Über seine Zeit und Freizeit als Freiwilliger bei der Bundeswehr. Zu dreijähriger Dienstzeit verpflichtet.

Ich kam aus dem Staunen nicht heraus: Perfekter Stil, spannende Lektüre – wer anfängt, muss weiterlesen, immer weiter bis zum Ende auf S. 390. Manches erinnerte mich an Paulo Coelhos Roman “Ich sass am Rio Piedra und weinte“ (Diogenes Zürich 2002) Ich war ebenso berührt wie bei der Lektüre des heute weltweit meistgelesenen Autors.

Nach meiner Meinung verdient Adolf Preissens Roman “Ein Stück vom Paradies“ eine Grossauflage in mehreren Sprachen, nicht nur in Spanien, sondern auch in Deutschland und der Schweiz und wo auch immer Menschen trotz Interesse für Computer und Handys nach wie vor oder jetzt besonders vortreffliche Literatur über alles schätzen.

Die nie bewältigte Vergangenheit – auch bei uns?
Ich bin ein Leser wie jeder andere und kann im Fall von Adolf Preiss nur festhalten, was mich betrifft: „Ein Stück vom Paradies“ ist ein Meisterwerk, eine erbarmungslose Kritik der Bundeswehr wenigstens noch in den 60er Jahren – angesichts der damals vielen Überbleibsel aus der Nazizeit. Ist es seither so viel besser geworden? Lässt sich eine Kultur und Unkultur in blossen sieben Jahrzehnten bewältigen? Vor allem, wenn sie eine noch viel längere Vergangenheit hinter sich hat? War nicht das ganze 19. Jahrhundert, lange vor Adolf Hitler, in deutschen Landen vom Leitsatz “Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ durchdrungen – mit Ausläufern bis USA und Südafrika?
Angemessener und zeitgemässer scheint mir der Titel „Nach dem Vorhof der Hölle ein Stück weit zum Paradies“ und als Unter- oder Übertitel “Frauen ohne Männer, Kinder ohne Väter“ zu sein.

Die Liebesgeschichte der Romanfigur Wolfgang mit Eva ist tatsächlich der Überschrift gemäss ein Stück vom Paradies – gelegentlich auch der Hölle. So überzeugend und tiefgründig, zugleich wunderschön und problematisch wie die Liebe zwischen zwei Menschen hier auf Erden nun einmal ist, höchstens ein Abglanz des Himmelreichs, aber dieser blosse Widerschein ein grosses Glück, wer bereit und ausreichend mutig ist, auch die gelegentliche Hölle und vor allem das Fegefeuer in Kauf zu nehmen!

Was der ehemalige Bundeswehrsoldat aus dem Sudetenland, dann geflüchtet in die Schweiz erlebt und beschrieben hat, ist meines Erachtens grosse Literatur. Übrigens spricht er thurgauerisch besser als ich - mit einer St. Galler Mutter und einem Vater aus Disentis und Chur – je Züritütsch gesprochen habe. Ich bin überzeugt, dass das Buch nicht nur meiner Generation gefällt, sondern in besonderem Mass den Jungen auf der Suche nach einem Halt, der ihnen die Eltern aus der 68er-Zeit nicht geboten hat, nicht bieten konnte! In meiner Begeisterung über dieses Werk eines späteren Schlossers und früher einfachen Bundeswehrsoldaten, der während dreier Jahre Abend für Abend und halbe Nächte sein Buch verfasste, kommt mir „Ein Stück vom Paradies“ wie ein Stück der zeitlos gültigen Weltliteratur vor. Hoffentlich nicht nur mir, sondern einer grossen und immer grösseren Leserschaft auch in andern Ländern.
 

Victor J. Willi, Rom Disentis

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